Biographien
Olafs Raumfahrtkalender

Olafs Raumfahrtkalender

Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-05-29T12:46:45+02:00
Michail Kusmitsch Jangel
…wurde am 07.11.1911 (nach damaligem Kalender 25.10.1911) in eine Bauernfamilie im Dorf Syrjanova in der russischen Provinz Irkutsk geboren. Er hatte elf Geschwister. 1926, nach dem Abschluß der 6. Klasse, verließ er seine Heimat und kam bei seinem älteren Bruder Konstantin in Moskau unter. Während er eine weiterführende Schule besuchte, arbeitete er zugleich im Druckgewerbe. Nach dem Besuch der Berufsschule fand er eine Anstellung als stellvertretender Vorarbeiter in einer Textilfabrik der Siedlung Krasnoarmejsk nahe Moskau. 1929 bis 1931 arbeitete er dort in der damals berühmten „Baumwollfabrik der Roten Armee und Flotte“ und besuchte gleichzeitig eine Technikerschule. 1931 erhielt er die Gelegenheit, ein Studium des Flugzeugbaus am namhaften Moskauer Staatlichen Luftfahrtinstitut (MAI) aufzunehmen. 1937 schloß er dieses mit Auszeichnung ab. Bereits ab 1935 arbeitete er im Flugzeugwerk No. 39 „W. R. Menschinski“ in zunehmend verantwortlichen Positionen. Dort wurden Flugzeuge aus dem Konstruktionsbüro Nikolai N. Polikarpow gefertigt. Rasch machte Jangel Karriere. Bis 1944 arbeitete er als stellvertretender Direktor des Flugzeugwerkes, wo er am Entwurf der I-​153 und der Verbesserung der I-​180 und I-​185 sowie der Modifikation der Po-​2 beteiligt war. Zwischen Februar und August 1939 war Jangel zudem als Mitglied der Amtorg auf einer Mission in den USA mit dem Ziel, Hochtechnologie für den sowjetischen Flugzeugbau zu erwerben. 1944 ging er dann als stellvertretender Chefingenieur zum OKB Mikojan und 1945 als Chefingenieur zum Konstruktionsbüro von Wladimir M. Mjassischtschew. 1946 berief man ihn als anerkannten Experten in das Büro des Ministeriums für die Luftfahrtindustrie. Bis 1948 koordinierte er hier die Entwicklung des sowjetischen Flugzeugbaus in der Nachkriegszeit. Dann nutzte er die Gelegenheit, wieder in ein Konstruktionsbüro zu wechseln. Er arbeitete unter Sergej P. Koroljow, der zu jener Zeit mit dem Aufbau einer Raketenproduktion in der Sowjetunion beauftragt war. Ab 1951 trug er den Titel des stellvertretenden Chefdesigners am OKB-​1. Seit 1952 fungierte er als Direktor des NII-​88, Koroljows erstem neu eingerichteten Fertigungsbetrieb in Kaliningrad. 1953 wurde er zum Chefingenieur des Instituts berufen. Mit seinen herausragenden Fähigkeiten als Ingenieur und Organisator weckte er das wachsende Interesse Koroljows. Unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der konstruktiven Auslegung zukünftiger Raketengenerationen führten jedoch zu Spannungen zwischen den beiden Männern. Als Jangel 1954 angeboten wurde, ein eigenes OKB für Raketenentwicklung aufzubauen, ergriff er die Gelegenheit. In Dnepropetrowsk entstand innerhalb kurzer Zeit aus einem Automobilwerk das OKB-​586. Zunächst noch mit Projekten betraut, die Koroljow aus unterschiedlichen Gründen nicht selbst realisieren konnte oder wollte, stieg das neue OKB bald schon in die Entwicklung und den Bau neuer Fernraketen ein. Die R-​5, R-​11 und R-​12 waren Meilensteine beim Aufbau der sowjetischen Nuklearstreitmacht. Ein hoher Automatisierungsgrad bei der Startvorbereitung und der Einsatz hochsiedender, lagerfähiger Treibstoffe machte sie in der militärischen Anwendung Koroljows Entwürfen überlegen. Jangel war aber auch bemüht, seinem OKB weitere Möglichkeiten zu eröffnen. So propagierte er erfolgreich die Adaption seiner wichtigsten Raketen für die sowjetischen Raumfahrtprogramme und baute eine bedeutsame Fertigungskapazität für Satelliten auf. Die Trägerraketen der Serien Kosmos und Zyklon sowie Satelliten der Serien Kosmos, Interkosmos, Meteor und Zelina entstanden während Jangels Zeit als Chefdesigner des OKB-​586. Im Wettbewerb um die Entwicklung einer superschweren Trägerrakete für das sowjetische bemannte Mondprogramm konnte er sich nicht durchsetzen. Doch entstanden wichtige Baugruppen für den Mondlander in Dnepropetrowsk. 1959 und 1960 wurde Jangel der Titel Held der Sozialistischen Arbeit verliehen, 1960 zudem der Lenin-​Preis. 1960 erlangte Jangel auch den Titel eines Doktors der technischen Wissenschaften. 1961 wurde er in die Akademie der Wissenschaften der Ukraine berufen, fünf Jahre später auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. 1967 erhielt Jangel den Staatspreis der UdSSR und 1970 die Koroljow gewidmete Goldmedaille der Akademie der Wissenschaften. Die enorme Belastung, unter der Jangel als Chefdesigner jenes OKB stand, aus dem damals die absolute Mehrzahl der Atomraketen der Sowjetunion stammte, forderte jedoch ihren Tribut. Am 25.10.1971, seinem 60. Geburtstag, erlitt er seinen fünften Herzinfarkt. Er war tödlich. Im Gedenken an Jangel wurden in der Sowjetunion Orte benannt, Preise und Stipendien gestiftet und Denkmäler aufgestellt. Seinem Wirken für die Raumfahrt angemessen wurden ein Asteroid und ein Krater auf dem Mond nach ihm benannt. Und nicht zuletzt trägt seine einstige Wirkungsstätte, das OKB-​586 (heute KB Juschnoje) seit 1991 seinen Namen.