Biographien
Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-09-23T23:45:17+02:00
Semjon Arijewitsch Kosberg
…wurde am 14.10.1903 in der weißrussischen Stadt Slutsk (nahe Minsk) als Sohn eines jüdischen Schmiedes geboren. Von 1917 bis 1919 besuchte er die örtliche Handelsschule und trat danach in die Schmiede und Metallwarenfabrikation seines Vaters ein. Gleichzeitig (19221924) besuchte er die Abendschule, um seine Ausbildung weiterzuführen. 1925 bis 1926 diente er in der Roten Armee und trat danach eine Stelle als Schlosser in der Leningrader Fabrik „Schalturin“ an. In den Jahren 1927 bis 1929 studierte er schließlich am Leningrader Polytechnischen Institut, um 1930 ans Moskauer Luftfahrt-​Institut zu wechseln, wo er sein Studium 1930 abschloß. Seine Leistungen qualifizierten ihn für die Arbeit am Moskauer TsIAM (Forschungsinstitut für Luftfahrttriebwerks-​Technologie und –Produktion). Rasch stieg er zum Leiter einer der wichtigsten Forschungsabteilungen auf. Unter seiner Leitung studierte man dort u.a. die Treibstoff-​Direkteinspritzung für Flugzeugmotoren. Nach der eingehenden Analyse ausländischer Triebwerke entstanden erste eigene Konstruktionen, beginnend mit der Direkteinspritzer-​Variante des M-​34 Triebwerks. Im Juli 1940 wurde schließlich das dem Moskauer Flugzeug­vergaser­werk Nr. 33 zugeordnete KB-​2 gegründet. S. A. Kosberg wurde Leiter des Konstruktionsbüros und stellvertretender Chefkonstrukteur des gesamten Werkes. Nach Ausbruch des 2. Weltkriegs wurde das kriegswichtige Konstruktionsbüro am 13.10.1941 zweigeteilt und evakuiert. S. A. Kosberg ging mit seinem OKB nach Berdsk in der Region Nowosibirsk. Das 29-​köpfige OKB wurde dem aus Charkow in der Ukraine evakuierten Werk Nr. 296 angeschlossen und S. A. Kosberg zu seinem Chefkonstrukteur ernannt. Trotz der widrigen Umstände konnte das Werk bald mit den Vorbereitungen für die Produktion eines neuen Typs von Einspritzanlagen beginnen. Bereits im September 1942 startete die Serienproduktion und bald wurde die Mehrzahl sowjetischer Flugzeugtriebwerke mit den leistungsfördernden und kraftstoffsparenden Einspritzpumpen aus Kosbergs OKB ausgerüstet. Bis 1952 entstanden so rund 50 verschiedene Typen von Einspritzpumpen. Nach Kriegsende, im April 1946 wurde das Konstruktionsbüro nach Woronesch verlagert und als OKB dem Werk Nr. 265 der Flugzeugindustrie zugeordnet. Einen Monat später wechselte die Werknummer. Fortan trug Kosbergs Konstruktionsbüro die Bezeichnung OKB-​154. Mit dem Aufkommen der Jettriebwerke im Flugzeugbau wechselte der Fokus in der Entwicklungsarbeit für S. A. Kosberg hin zu Jet-​Einspritzanlagen, Ölpumpen– und filtern, Durchflußreglern usw. Schließlich kamen auch erste Starthilfstriebwerke hinzu. Damit war es nur noch ein kurzer Schritt hin zu ersten Flüssigkeitstriebwerken, zunächst noch für Flugzeuge (RD-​0100 und RD-​0101 für MiG, RD-​0102 für Jak und RD-​0103 für Su). Die erfolgreiche Arbeit auf diesem Gebiet führte dazu, daß das OKB-​154 im August 1957 auf Staatsbeschluß reorganisiert wurde. Neue ausschließliche Aufgabe wurde die Entwicklung von Flüssigkeitstriebwerken für militärische Raketen und für die Raumfahrt. Richtungsweisend wurde das persönliche Treffen zwischen S. A. Kosberg und S. P. Koroljow am 10.02.1958. Im Ergebnis begann im OKB-​154 die Entwicklung des RD-​0105 als Antrieb für die Drittstufe der „Luna“ Rakete. Das RD-​0105 wurde schließlich weiterentwickelt zum RD-​0109 und brachte J. A. Gagarin als ersten Menschen in den Weltraum. Weitere Triebwerke entstanden in rascher Folge. So das RD-​0107, RD-​0108 und RD-​0110 auf der Basis des für die Zweitstufe der R-​9A Interkontinentalrakete entwickelten RD-​0106. S. A. Kosberg erhielt für seinen Beitrag zur Erforschung des Kosmos den Grad eines Doktors der technischen Wissenschaften verliehen und wurde zudem mit dem Lenin-​Preis geehrt. Für den historischen Flug Gagarins erhielt er zudem den Titel Held der Sozialistischen Arbeit. Bereits seit 1957 arbeitet S. A. Kosberg an dem neuartigen regelbaren Triebwerk RD-​0200 für das Konstruktionsbüro von S. A. Lawotschkin. Schwierig war die Lösung des Problems einer stabilen Verbrennung über den gesamten Schubbereich. Schließlich konnte die 5V11 Flugabwehrrakete mit Kosbergs Antrieb aber in die Serienproduktion gehen. Aus diesem Projekt resultierte eine enge Zusammenarbeit mit dem OKB-​2 von A. M. Isajew, dessen S2.1200 Triebwerksentwurf übernommen worden war. Eine Weiterentwicklung, das RD-​0201 Vierkammer­triebwerk, entstand für das ABM Raketen­projekt V1100 von P. D. Gruschin. Weitere Entwürfe für Triebwerke auf Basis der Treibstoffkombination UDMH /​Stickstofftetroxid folgten (RD-​0202, RD-​0203 und RD-​0204 sowie RD-​0205, RD-​0206 und RD-​0207 für die Erst– und Zweitstufe der UR-​200 Rakete aus dem Konstruktionsbüro W. N. Tschelomej). Ziel dieser Entwicklungsreihe war die Schaffung eines Triebwerks mit sogenanntem geschlossenen Zyklus. Dabei wird ein Teil des Treibstoffs zunächst unter Sauerstoffüberschuß im Gasgenerator verbrannt bevor er weiter in die Brennkammer geleitet wird. Das sorgt für einen hohen Brennkammerdruck. Derart läßt sich ein sehr leistungsfähiges Triebwerk konstruieren. Dem OKB-​154 gelang die Schaffung des ersten derartigen Triebwerks auf der Basis lagerfähiger Treibstoffe. Diese Idee wurde mit den RD-​0208, RD-​0209, RD-​0210 und RD-​0211 Triebwerken für die Zweitstufe der UR-​500 weiterverfolgt und kam auch beim RD-​0212, RD-​0213 und RD-​0214 Antrieb für deren Drittstufe zum tragen. 1963 begann die Entwicklung des RD-​0216 und RD-​0217 für die RS-​10 (SS-​11) Rakete. Viele dieser und weiterer Triebwerke bzw. ihrer Ableitungen stehen auch heute noch im Einsatz, was die Reife ihres Designs unterstreicht. S. A. Kosberg erlebte nur noch die Anfänge des Erfolgs seiner richtungsweisenden Triebwerksentwicklung. Im Januar 1965 verunglückte er während einer Dienstreise tödlich mit seinem Auto. Heute erinnert ein Krater auf der Mondrückseite an ihn. Die Tradition seiner Triebwerks­entwicklung wird hingegen vom KB Chimawtomatiki (KBChA) fortgeführt.