Biographien
Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-05-29T12:46:45+02:00
Tsien Hsue-shen
…der unumstrittene „Vater der chinesischen Raumfahrt“, wurde am 11.12.1911 in Hangzhou, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Zhejiang, geboren. Der intelligente Junge, Sohn eines Ministerialbeamten, schloß 1934 sein Studium an der Universität von Hsinchu in der Provinz Taiwan ab. Im August 1935 verließ er China mit einem Stipendium für das Massachusetts Institute of Technology in der Tasche. Doch schon 1936 wechselte er vom MIT ans ebenso renommierte California Institute of Technology. Er wurde Doktorand beim führenden Aerodynamiker seiner Zeit, Theodore von Kármán. Auch nach Erlangung seiner Doktorwürde blieb er dem Caltech treu. Die Bekanntschaft mit Frank Malina brachte ihn den Ideen der Raketenpioniere nahe. Professor von Kármán förderte die Arbeiten einer Gruppe seiner Studenten, die angesichts ihrer Erfolge und (teils spektakulären) Mißerfolge bald als „suicide squad“ bekanntwurden. Dieses nur fünfköpfige Team wurde zu Begründern des Jet Propulsion Laboratory (JPL), das aus ihrem ehemaligen Schießplatz Arroyo Seco hervorging. Und das Guggenheim Aeronautical Laboratory am California Institute of Technology (GALCIT) wurde in den 30er und 40er Jahren zur einzigen universitären Forschungseinrichtung, an der zielgerichtet an der Raketentechnik geforscht wurde. Eines der ersten konkreten Ergebnisse war die Entwicklung von JATO Starthilfstriebwerken (Jet-​Assisted Take Off) für die USAAF. Der Erfolg dieser Unternehmung führte zur Gründung der Aerojet Engineering Corporation, auch heute noch ein führender US Raumfahrtkonzern. Tsien war an all diesen Entwicklungen maßgeblich beteiligt. 1943 initiierte er die Entwicklung der Private A Rakete, die später zur erfolgreichen Familie der Corporal und WAC Corporal Forschungsraketen führte. Bei Kriegsende erhielt Tsien den Rang eines Oberst in der USAAF und wurde nach Deutschland geschickt, um Material und Personal des deutschen Raketenprogramms zu sichten und für die USA zu sichern. So gehörte er auch zu den ersten Experten, die Wernher von Braun verhörten, nachdem sich dieser den US Truppen ergeben hatte. Ende der 1940er Jahre war Tsien unumstritten der führende Experte auf dem Gebiet der Überschall-​Aerodynamik und für Probleme des Raketenantriebs. Mittlerweile in den USA heimisch geworden, beantragte er 1950 die US Staatsbürgerschaft. Doch wenig später geriet er in die Mühlen einer FBI Untersuchung, die ihn zunächst als Kommunisten denunzierte. Dabei hatte sich der eigentlich völlig apolitische Tsien in der Vergangenheit lediglich sozial engagiert. Innerhalb kürzester Zeit nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen ihn war ihm jedwede Fortsetzung seiner Arbeiten unmöglich gemacht. Es war die Zeit der fanatischen Kommunistenverfolgung durch den Senator Joseph McCarthy. In dieser Situation entschied er sich, nach China zurückzukehren, obwohl dort mittlerweile die Kommunisten die Macht übernommen hatten. Als seine zahlreichen Freunde in der Forschergemeinde ihn bedrängten, die offenbar haltlosen Vorwürfe zu entkräften und seinen Namen reinzuwaschen, entschied er sich aber zum Bleiben. Doch obwohl selbst Politiker ihn unterstützten, wurden immer neue Vorwürfe gegen ihn vorgebracht. Nun galt er gar als chinesischer Spion. Zwar konnte das FBI keine seiner Vorwürfe belegen, doch wurde Tsien unter Hausarrest gestellt und ihm ein Arbeiten so unmöglich gemacht. Enttäuscht reiste er schließlich im September 1955 mit seiner Familie nach China aus, nachdem ihm die USA in der Hoffnung auf ein chinesisches Entgegenkommen bei der Freilassung amerikanischer Kriegsgefangener aus dem Korea-​Krieg dies endlich erlaubt hatten. Man nahm an, daß Tsien nach 5 Jahren keine militärisch relevanten Informationen mehr verraten konnte. Damit hatten FBI und CIA ihn aber vollkommen falsch eingeschätzt. Zwar lag seine aktive Forschungsarbeit Jahre zurück. Doch nicht umsonst hatten seine Kollegen ihn als einen der genialsten Theoretiker angesehen. In China wurde Tsien mit offenen Armen aufgenommen. Der prominente Heimkehrer erhielt die Möglichkeit, ein eigenes Institut aufzubauen, an dem er eine neue Generation von Ingenieuren auf dem Gebiet der Aerodynamik ausbildete. Bereits 1956 erhielt er die Verantwortung für das Programm zum Aufbau einer eigenen Raketenentwicklung. Zunächst noch mit sowjetischer Hilfe, nach dem Rückzug der ausländischen Experten aufgrund politischer Differenzen, aus eigener Kraft, entwickelten die jungen Ingenieure und Wissenschaftler die chinesische Raketenwaffe. Mitte der 60er Jahre verfügte China so über die erste Mittelstreckenrakete und einen zugehörigen Atomsprengkopf. Obwohl über Tsiens Wirken in China fortan wenig bekannt wurde, gilt als sicher, daß er auch in den folgenden Jahrzehnten richtungsweisend für die chinesische Raketenentwicklung und auch das Raumfahrtprogramm war. Wiederkehrende Vorwürfe, die raschen Fortschritte der chinesischen Raketentechnik seien klar das Ergebnis von Tsiens Spionage, sind nicht haltbar. Auch wenn zahlreiche Entwicklungen auffällige Parallelen zu früheren amerikanischen Waffensystemen aufwiesen, war Tsien bei deren Entwicklungsbeginn bereits nicht mehr in den USA. Namentlich gilt das für die erste chinesische Interkontinentalrakete CSS-​4 (DF-​5), die als Abbild der amerikanischen Titan Rakete angesehen wurde. Doch deren Entwicklung hatte erst 1955 begonnen! Immerhin erhielt Tsien 1979 vom Caltech, das sein Andenken immer hochgehalten hatte, den Distinguished Alumni Award zuerkannt. Und schließlich übereignete man ihm auch seine umfangreiche persönliche wissenschaftliche Bibliothek, die er 1955 zurückgelassen hatte. Tsien ging 1991 im Alter von 80 Jahren in den Ruhestand, doch verfolgte er die Entwicklungen der chinesischen Raumfahrt noch immer mit Interesse. 1992 begann China zu seiner Freude offiziell ein bemanntes Raumfahrtprogramm, wenn auch mit einem konventionellen Kapseldesign und nicht einer Raumfähre, wie Tsien sie bereits 1949(!) entworfen hatte. Den ersten bemannten Raumflug Chinas verfolgte Tsien aus seinem Bett im Krankenhaus.
2007 zeichnete die anerkannte Fachzeitschrift Aviation Week & Space Technology Tsien als „Person of the Year“ aus, eine Ehre, die auch China wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde.
Obwohl er bereits seit Jahren schwer krank war, verfolgte Tsien auch vom Krankenhaus aus noch interessiert die Fortschritte der chinesischen Raumfahrt. Er starb am 31.10.2009 national wie international hochgeehrt.