Biographien
Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-05-25T06:16:50+02:00
Wassili Pawlowitsch Mischin
…wurde am 18.01.(05.01.)1917 in dem Dorf Bywalino im zum Oblast Moskau gehörenden Rajon Pawlowo-​Posadski geboren. Aufgezogen wurde er von seinem Großvater. Nach siebenjährigem Schulbesuch nahm ihn die dem berühmten ZAGI (Zentrales Aerohydrodynamisches Institut) in Moskau zugehörigen Berufsschule auf, wo er neben seiner weiteren schulischen Bildung zum Schlosser ausgebildet wurde. In Moskau begann er auch mit dem Besuch von Abendkursen zur Studienvorbereitung. Ab 1935 besuchte er das MAI (Moskauer Luftfahrtinstitut). Er wurde Mitglied des dortigen Fliegerklubs und schließlich Segelfluglehrer. Seit 1940 arbeitete er im Werk № 84 in Khimki als Konstrukteur. Nach dem Abschluß seines Studiums wurde er dem Konstruktionsbüro von Wiktor F. Bolchowitinow zugewiesen, einem der führenden sowjetischen Flugzeugkonstrukteure der 1930er und 40er Jahre, bekannt vor allem für seine unkonventionellen Entwürfe. Einer der revolutionärsten Entwürfe des OKB-​293 war der raketengetriebene BI-​1 Abfangjäger, an dessen Auslegung auch Mischin beteiligt war. Für seinen Beitrag zum Sieg im Großen Vaterländischen Krieg erhielt er 1945 den Orden des Roten Sterns. Im August des selben Jahres wurde er im Rang eines Oberstleutnants nach Deutschland entsandt, wo er neben anderen Experten mit der Begutachtung von Beutetechnik insbesondere der Raketenentwicklung beauftragt war. Daraus ergab sich eine enge Zusammenarbeit mit Sergej P. Koroljow. Mischin war an der Rekonstruktion der A-​4 Konstruktions– und Fertigungsunterlagen beteiligt. Als Koroljow 1946 sein eigenes Konstruktionsbüro erhielt, wurde Mischin zu Koroljows erstem Stellvertreter ernannt. In dieser Funktion war er während der nächsten zwanzig Jahre maßgeblich an den meisten bedeutenden Entwicklungen der sowjetischen Raketen– und Raumfahrttechnik beteiligt (u.a. die ersten Luna Mondsonden, Venera 1, die Zenit Aufklärungs– und Molnija Kommunikationssatelliten u.a.m.). Für seinen maßgeblichen Beitrag bei der Entwicklung der sowjetischen R-​5 Mittelstreckenrakete erhielt er 1956 den Titel Held der Sozialistischen Arbeit verliehen. Nach dem Tod Koroljows Anfang 1966 war Mischin dessen logischer Nachfolger. Er übernahm das OKB-​1 (ZKBEM) in einer schwierigen Lage. Nicht nur fehlte die gut vernetzte Führungspersönlichkeit Koroljows. Auch befand sich das sowjetische Raumfahrtprogramm inmitten einer Umbruchphase. Nach den ersten weltweit gefeierten Erfolgen war zuletzt der Rückstand der sowjetischen Technologie gegenüber der westlichen immer spürbarer geworden. Das US Weltraumprogramm konnte zunehmend Erfolge erzielen und erwies sich zudem als nachhaltiger angelegt. Im „Wettlauf zum Mond“ befanden sich die sowjetischen Ingenieure in einer faktisch hoffnungslosen Position. Zu unterfinanziert war das Programm, während man gleichzeitig vor unerhörten Aufgaben stand. Die heraufziehende Krise hatte das Genie Koroljow noch überdecken können. Mischin mußte nun den kompletten Fehlschlag des N1-​L3 11A52 Mondraketenrogramms verantworten. Und auch den von Rückschlägen begleiteten Start des Sojus-​Programms. Tatsächlich hatte er sich persönlich sehr stark für das bemannte Mondprogramm eingesetzt und auch Pläne für eine langfristige Erkundung des Mondes ausgearbeitet, die weit über eine Serie kurzfristiger Besuche hinausgingen. Nach diesen Rückschlägen, die ihn den Rückhalt einflußreicher Militärs und Politiker kosteten, gelang es Mischin dennoch, dem sowjetischen bemannten Raumfahrtprogramm eine neue Orientierung zu geben. Mit dem Sojus-​Raumschiff stand nach Überwindung der anfänglichen Probleme ein modernes und vielseitiges Raumschiff zur Verfügung. Mischin orientierte das Raumfahrtprogramm nun neu auf Flüge zu einer im Erdorbit kreisenden Raumstation. Dies erlaubte vielfältige Forschungen, die zivile wie militärische Erdbeobachtung und die Gewinnung von Erfahrungen für Missionen zu anderen Himmelskörpern. So wie Koroljow und Mischin sie schon früher erträumt hatten. Doch am 21.05.1974 wurde Mischin überraschend von seinem Posten als Chefdesigner des ZKBEM abberufen und durch Valentin P. Gluschko ersetzt. Tatsächlich hatte er selbst damit schon vor längerer Zeit gerechnet, der jetzige Zeitpunkt kam unerwartet. Offizieller Auslöser war ein Brief an das ZK der KPdSU, unterzeichnet u.a. von Dmitri A. Koslow, Boris Je. Tschertok und Konstantin P. Feoktistow, langjährigen Weggefährten. Vorgeworfen wurden Mischin u.a. Fehler in seiner Leitungstätigkeit, bei der Verwendung von Finanzmitteln und wohl auch sein Alkoholproblem. Für die Fehlschläge des N1 Programms wurde er direkt verantwortlich gemacht, obwohl er mit entschiedenen Maßnahmen die Weiterentwicklung der glücklosen Rakete vorangetrieben hatte. Tatsächlich standen die ersten Starts eines grundlegend überarbeiteten Modells unmittelbar bevor. Generell wurde Mischin aber selbst von Mitstreitern für viele strukturelle Probleme des Raumfahrtprogramms verantwortlich gemacht. Und von seiner Persönlichkeit her war er auch nicht die charismatische Führungspersönlichkeit, die in seiner Position gefordert gewesen wäre. Im Gegensatz zur Koroljow gelang es Mischin leider zudem nicht, sich dem Druck nach politisch motivierten Erstleistungen zu entziehen. Intern wurde er daher auch für den Tod von Wladimir Komarow bei der Erprobung des unausgereiften Prototypen des Sojus Raumschiffs verantwortlich gemacht.
Nach seiner Ablösung als Leiter des ZKBEM widmete sich Mischin wieder seiner akademischen Tätigkeit. Bereits 1956 hatte er promoviert und im Jahr darauf offiziell eine Dozenten-​Tätigkeit an der Moskauer Lomonossow-​Universität aufgenommen. Von 1959 bis 1991 leitete er zudem den von ihm mitbegründeten Lehrstuhl für Projektierung und Konstruktion von Flugapparaten am MAI. Seit 1958 korrespondierendes Mitglied, wurde Mischin 1966 Vollmitglied der Akademie der Wissenschaften. Auch als Autor mehrerer Standardwerke zur Raketen– und Raumfahrttechnik trat Mischin in Erscheinung. Zahlreiche bedeutende Führungspersönlichkeiten des sowjetischen und später russischen Raumfahrtprogramms gingen durch Mischins Schule und fanden dank seiner guten Kontakte zur Industrie einen Einstieg in die Branche.
Im Laufe seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Sektor der Luft– und Raumfahrt– sowie Verteidigungsindustrie erhielt Mischin zahlreiche Auszeichnungen und vielfältige Anerkennung im In– und (gegen Ende seines Lebens) Ausland. Neben zahlreichen anderen verlieh man ihm 1957 den Lenin– und 1984 den Staatspreis der UdSSR. Dreimal (1956, 1961 und 1967) erhielt Mischin den Lenin-​Orden, je einmal den Orden der Oktoberrevolution und das Rote Banner der Arbeit, einige der höchsten sowjetischen Auszeichnungen. Eine besondere Ehre wurde ihm als erstem Träger der S. P. Koroljow Goldmedaille der Akademie der Wissenschaften zuteil.
Wassili Pawlowitsch Mischin starb am 10.10.2001 in Moskau.