Hintergrundartikel
Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-08-23T18:34:02+02:00

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Die N1-​L3 „Zaren-​Rakete“

Noch bevor die erste „Semjorka“ Interkontinentalrakete von ihrem Startkomplex in Baikonur (Tjuratam) abhob, begannen 1956 auf Veranlassung von Sergej P. Koroljow im OKB-​1 Studien für eine Rakete, die alles bis dahin dagewesene in den Schatten stellen sollte. Dem Kollektiv umn1_on_pad Koroljow verstand, daß die Träume von bemannten interplanetaren Flügen oder Raumstationen für Hunderte Menschen nur mit einer wahren „Superrakete“ umgesetzt werden konnten. Koroljow autorisierte die Studien zu der „N-​1 genannten Rakete. Allein diese Benennung war bemerkenswert, trugen bis dahin doch alle Raketen eine „R“ Typenbezeichnung für Ракета (dt. Rakete). Das „N“ leitete sich dagegen von Носитель ab, was übersetzt Trägerrakete bedeutet und klar den zivilen Charakter des Entwurfs unterstrich. Eine Rakete mit einer Nutzlast von 40 bis 80 Tonnen auf einen erdnahen Orbit schien machbar, wobei sich je nach Auslegung ein Startgewicht von gewaltigen 1.000 bis 2.000 Tonnen ergab. Noch leistungsfähigere Entwürfe erschienen selbst jenen Ingenieuren zu gewagt, die in der fortschrittsgläubigen Atmosphäre der 1950er Jahre sonst kaum Zweifel an der Umsetzbarkeit der koroljowschen Ideen hatten. Zunächst untersuchten die Ingenieure des OKB-​1 eine Skalierung der R-​7 bis zur benötigten Größe, kamen aber rasch zu der Erkenntnis, daß diese Idee nicht praktikabel war. Eine weitaus bessere Massenbilanz versprach die „klassische“ Auslegung der Rakete. Während das Kollektiv des OKB-​1 von den Möglichkeiten der neuen Rakete träumte (unbemannte Flüge zum Mond und zu den Nachbarplaneten, Netzwerke zur globalen satellitengestützten Kommunikation oder Wetterüberwachung etc.), war ihrem Chefkonstrukteur klar, n1_complete_backdaß er dieses Projekt nur mit Unterstützung des Militärs realisieren konnte. Bereits den ersten Satelliten, „Sputnik“, hatte er nur starten können, indem er die militärische und politische Führung der Sowjetunion für seine R-​7 als Interkontinentalrakete begeisterte. Eine Rolle, die die sperrige Rakete nie wirklich ausfüllen konnte. Nun versprach Koroljow einen Träger zum Transport einer militärischen 70 Tonnen Raumstation für 2 bis 5 Mann Besatzung. Aber auch Studien für den Kampfkomplex „Raskat“ wurden unternommen. Dabei sollte eine superschwere Rakete, wie z.B. die N-​1, einen mehr als 30 Tonnen schweren Kopfblock mit bis zu 17 einzelnen Sprengköpfen transportieren. Eine einzige solche Rakete konnte theoretisch praktisch auf einen Schlag alle Ziele in den kontinentalen USA auslöschen. Koroljows Arbeit wurde belohnt, als die sowjetische Regierung am 23.06.1960 das Dekret Nr. 715296 „Zur Schaffung schwerer Trägerraketen, Raumflugkörper und Raumschiffe zur n1_complete_front Erschließung des Weltraums“ herausgab. Der darin festgelegte Zeitplan sah bis 1963 die Schaffung einer Rakete mit einer Kapazität von 40 bis 50 Tonnen auf ernahe Bahnen und 10 bis 20 Tonnen auf Fluchtgeschwindigkeit vor. Bis 1967 sollte der Einsatz neuartiger Oberstufen (gedacht wurde dabei an atomare bzw. elektrische Antriebe und den Einsatz exotischer Treibstoffkombinationen) die Nutzlastkapazität nahezu verdoppeln. Doch schon die erste Entwicklungsstufe, Thema N-​1 stellte eine gewaltige Herausforderung für die Ingenieure und Wissenschaftler dar. Die Abmessungen und Gewichte der zu entwickelnden Rakete waren ein Vielfaches dessen, was sich Anfang der 1960er Jahre in der sowjetischen Raketentechnik in der Entwicklung oder Planung befand. Nach den ernüchternden Erfahrungen aus der Entwicklung geeigneter Triebwerke für die R-​7 wagte sich keiner der bekannten sowjetischen Triebwerkskonstrukteure an die Entwicklung eines neuen Antriebs von vergleichbaren Dimensionen wie das amerikanische F-​1 Triebwerk. Dennoch war klar, daß man für die N-​1 in neue Leistungsklassen vorstoßen mußte. Studienaufträge erhielten die bekannten Konstruktionsbüros von Valentin P. Gluschko (OKB-​456), Semjon A. Kosberg (OKB-​154) und Alexei M. Issajew (OKB-​2). n1_completeAber auch das OKB-​276 von Nikolai D. Kusnezow wurde einbezogen. Dieses Konstruktionsbüro war 1946 mit dem Ziel gegründet worden, deutsche Entwicklungen auf dem Gebiet der Strahltriebwerke nutzbar zu machen. Bekanntestes Produkt war die 11.000 kW leistende Propellerturbine NK-​12 u.a. für den Militärtransporter Antonow An-​22 „Antäus“. Doch bereits 1956/57 war Kusnezow von seinem Freund Koroljow mit der Entwicklung eines Raketentriebwerks für die neue Interkontinentalrakete R-​9 betraut worden. Zu jener Zeit befand sich die sowjetische Luftfahrtindustrie in einer tiefgreifenden Umbruchphase. Die raschen Fortschritte in der Raketentechnik machten in den Augen der Generalität einen erheblichen Teil der Flugzeugentwicklung entbehrlich. Einige Konstruktionsbüros verlagerten ihren Tätigkeitsschwerpunkt daher hin zu Produkten der Raketen– und Raumfahrttechnik. Anderen wurden per Dekret vollkommen neue Aufgabengebiete zugewiesen. Für das OKB-​276 bot der Entwicklungsauftrag für das Flüssigsauerstoff-​Kerosin Triebwerk NK-​9 eine Chance, sein erreichtes wissenschaftlich-​technisches Niveau zu erhalten. Allerdings erwies sich die Herausforderung trotz der Unterstützung von Experten aus dem OKB-​165 von Archip M. Ljulka zunächst als zu groß. Den Auftrag für den Erststufenantrieb der R-​9A (Erzeugnis 8K75) erhielt das OKB-​456 mit seinem RD-​111. Koroljow war aufgrund seiner Erfahrungen der letzten Jahre sehr skeptisch, ob Gluschko fristgerecht ein Triebwerk mit den geforderten Leistungscharakteristika würde liefern können. Doch die Entscheidungsträger trauten dem unerfahrenen OKB-​276 noch viel weniger diese Aufgabe zu. Letztlich sollte Koroljow recht behalten. Die Entwicklung des RD-​111 verzögerte sich endlos, da schwer beherrschbare hochfrequente Schwingungen in den Brennkammern auftraten. Immer wieder kam es zu Explosionen auf dem Prüfstand oder bei Testflügen. Die problematische Entwicklungsgeschichte der R-​9 hatte eine Reihe von Konsequenzen. Gluschko war endgültig davon überzeugt, daß Flüssigsauerstoff als Oxidator für große Raketentriebwerke ungeeignet sei und wandte sich (erfolgreich) der neuen Treibstoffkombination UDMH („Heptyl“) /​Stickstofftetroxid zu. Flüssigem Wasserstoff als Treibstoff erteilte er ebenfalls eine klare n1_block-aAbsage. Koroljow lehnte dagegen den Einsatz toxischer und selbstentzündlicher Treibstoffe ab, erst recht für den Einsatz bei bemannten Missionen. Darüber kam es endgültig zum Zerwürfnis zwischen den beiden Chefkonstrukteuren. Koroljow ermutigte daher Kusnezow, die Entwicklung des NK-​9 fortzuführen, zumal dieses bei Prüfstandsversuchen sehr gute Leistungscharakteristika gezeigt hatte. Als schließlich die Triebwerke für die Erststufe der N-​1 ausgewählt werden sollten, gab es zwei ernstzunehmende Optionen. Gluschko bot das RD-​250 an, das bereits als Antrieb für die erste und zweite Stufe der R-​36 Interkontinentalrakete gewählt worden war. Kusnezow ging mit dem NK-​15, einer Weiterentwicklung des NK-​9 ins Rennen. n1_block-a_sideviewDoch diesmal konnte Koroljow auch unter Verweis auf den unbefriedigenden spezifischen Impuls des RD-​250 den Einsatz von Triebwerken aus dem OKB-​456 verhindern. Aus den mehr als fünf Dutzend Entwürfen der N-​1 hatte sich 1962 eine ungewöhnliche Variante herauskristallisiert. Eine gewaltige kegelförmige Rakete von rund 100 m Höhe bei einer Startmasse von etwa 2.200 Tonnen. In der ersten Stufe sollten 24 Kusnezow Triebwerke mit je 150 Tonnen Schub untergebracht werden, in den beiden Oberstufen entsprechend weniger, für die Arbeit im Vakuum optimierte Varianten dieses Antriebs. Die konische Form der Rakete ermöglichte es, den unterschiedlichen Tankvolumina von Treibstoff und Oxidator Rechnung zu tragen. Die Tankkonstruktion war ungewöhnlich. Leichte kugelförmige Tanks wurden innerhalb der Stufe an der Außenwand der Zelle aufgehängt. Da der Sauerstoff ein größeres Volumen einnahm, befand sich sein Tank unten, der kleinere Treibstofftank oberhalb in dem sich zunehmend verjüngenden Kegelabschnitt. Verantwortlicher Konstrukteur für die N-​1 wurde Boris A. Dorofejew. Da es an anderweitigen Testmöglichkeiten mangelte, wurde im September 1962 mit der Entwicklung eines fliegenden Erprobungsträgers begonnen. Offizielles Ziel dieses Projekts war die Schaffung eines Raketenkomplexes, der einen Atomsprengkopf auf einen beliebigen Erdorbit befördern sollte, und der auf n1_block-bBefehl jederzeit Ziele entlang seiner Bahn angreifen konnte. Für Koroljow und Kusnezow bot sich damit aber die Gelegenheit, sowohl die NK-​9 und NK-​19 (höhenangepaßte Version) im Einsatz zu erproben, sowie viele andere technische Lösungen (z.B. die Gitter-​Stabilisatoren am Heck), die auch für die N-​1 vorgesehen waren. Obwohl die GR-​1 Rakete nie in die Erprobung ging, erhielt das NK-​9 Triebwerk mit Abschluß der Arbeiten Ende 1964 sein Einsatzzertifikat. Anfang 1964 sah der Zeitplan eigentlich noch den Beginn der Flugerprobung der N-​1 für das Jahr 1965 vor. Doch die materielle, personelle und finanzielle Unterstützung war nach wie vor vollkommen ungenügend für in solches gewaltiges Projekt. Außerdem war nicht geklärt, welche Nutzlast die Rakete eigentlich befördern sollte. Denn es gab kein vergleichbares bemanntes Mondprogramm wie in den USA. Zwar wurde an einem Projekt zur Mondumrundung gearbeitet, doch hatte dies keine Priorität, da man die amerikanischen Pläne für eine Mondlandung bis zum Ende der 1960er Jahre nicht für realistisch hielt. Und trotz mehrerer Vorstöße Koroljows lagen die Pläne für die Mondumrundung in den Händen des OKB-​52 seines Konkurrenten Wladimir N. Tschelomej. Doch am 03.08.1964 änderte sich die Situation grundlegend. Das ZK der KPdSU gab den Beschluß 655268 „Über die Arbeiten zur Erforschung des Mondes mit kosmischen Mitteln“ heraus. Die N-​1 erhielt die klare primäre Aufgabe, ein Raumschiff mit zwei Kosmonauten in einen Mondorbit zu befördern, von wo aus einer der beiden mit einem Lander zur Mondoberfläche niedergehen sollte. Und dies alles natürlichn1_block-w bevor ein US Astronaut auf dem Mond landen würde. Zwischen 1966 und 1968 sollten 16 der gewaltigen N-​1 Mondraketen gebaut und 196768 ihre Erprobung aufgenommen werden. Die erste bemannte Mondlandung wurde auf die zweite Jahreshälfte 1968 terminiert. Dieser Zeitplan war natürlich vollkommen unrealistisch, mußten doch zeitgleich auch noch ein neues Mondraumschiff und der Mondlander entwickelt und flugqualifiziert, die Bodeninstallationen in Baikonur geschaffen und die Kosmonauten trainiert werden. Alles Aufgaben, die NASA bereits Jahre zuvor mit weitaus größeren finanziellen und technologischen Ressourcen angegangen hatte. Zu allem Überfluß wurden auch noch Entwicklungsaufträge für Alternativen zur N-​1 an das OKB-​52 (UR-​700) und das OKB-​586 von Michail K. Jangel (R-​56) vergeben, da man fürchtete, die N-​1 Entwicklung könnte sich verzögern. Damit wurde die finanzielle und materielle Basis des Programms aber noch weiter gestreckt, ja überdehnt. Koroljow stand jedenfalls vor der Aufgabe, die Nutzlastkapazität der N1-​L3 11A52 auf 95 Tonnen zu steigern. Neben anderen Änderungen war das nur durch die Erhöhung der Anzahl der Triebwerke in der ersten Stufe auf 30(!) und die Vergrößerung der Tanks (durch Einfügen von zylindrischen Mittelstücken zwischen den halbkugelförmigen Tankdomen) möglich. Damit wuchs aber auch die Startmasse auf rund 2.750 Tonnen. Klar war auch, daß die Triebwerksleistung l1s gesteigert werden mußte. Dennoch würde die Parkbahn des Mondraumschiffs niedriger verlaufen, als bisher geplant. Um Zeit zu sparen, mußte das Erprobungsprogramm für die N-​1 auf ein Minimum beschränkt werden. Einerseits standen keine Finanzmittel für den Aufbau eines Prüfstands zur Verfügung, auf dem die komplette erste Stufe hätte erprobt werden können. Andererseits hätte allein seine Konstruktion zu lange gedauert. Also traf man die fatale Entscheidung, auf Testläufe der ersten Stufe ganz zu verzichten und die benötigten Werte aus statischen Probeläufen der zweiten und dritten Stufe zu extrapolieren. Doch Koroljow hielt den Zeitplan persönlich ohnehin für vollkommen unrealistisch. Selbst eine bemannte Mondumrundung im Jahr 1969 war seiner Meinung nach nicht zu schaffen. Dennoch kämpfte er bis zur totalen Erschöpfung um sein Projekt und hielt es auch auf Kurs, als 1965 eine grundlegende Restrukturierung des Raumfahrtprogramms unter dem Dach des Ministeriums für Allgemeinen Maschinenbau erfolgte. Er sollte aber tragischerweise nicht mehr erleben, wie seine Ideen allmählich Gestalt annahmen. Am 14.01.1966 starb er während einer Operation. Es dauerte lähmende sechs Monate, bis sein bisheriger Stellvertreter, Wassili P. Mischin, als Nachfolger bestätigt war. Der Druck auf ihn erhöhte sich nochmal, als KPdSU Generalsekretär Leonid I. Breschnew im Februar 1967 per Dekret die Aufnahme der Flugerprobung des N1-​L3 Mondkomplexes für das dritte Quartal 1967 und die Mondlandung spätestens zwei Jahre darauf forderte. Im November 1967 wurde der Erprobungsbeginn zwar um ein Jahr verschoben, doch war dieser Termin noch immer hochgradig vom Wunschdenken der politischen Führung bestimmt und spiegelte sich nicht in der materiellen Unterstützung des Projekts wieder. In Baikonur waren inzwischen große Teile der Bodeninfrastruktur errichtet worden. Allein für das benötigte Personal entstand eine eigene Wohnsiedlung mit Bahnanschluß. Zu den Bauten auf dem Kosmodrom selbst zählte eine gewaltige Halle (MIK RN, Platz 112), in der die Rakete aus vorgefertigten Bauteilen montiert wurde. Angesichts der enormen Dimensionen der drei Raketenstufen konnten diese nicht komplett transportiert werden. Auch die NASA stand für ihre Saturn Raketen vor diesem Problem, konnte es aber relativ elegant durch den Transport auf dem Seeweg lösen. Baikonur war dagegen nur auf dem Schienen-​, Straßen– oder Luftweg zu erreichen. Das beschränkte die Abmessungen der Einzelteile auf das Lichtmaß der Eisenbahn. Insgesamt 165 Waggonladungen an Material mußten für die Montage einer N-​1 herangeschafft werden. Die Stufen und ihre Tanks mußten dann vor Ort aus einzelnen vorgefertigten Segmenten zusammengeschweißt werden. Dies geschah in der in mehrere Buchten unterteilten 240×190 m messenden Halle. Die montierten Stufen wurden schließlich horizontal zusammengesetzt, wobei die gesamte Rakete dabei auf einem riesigen Transport– und Aufrichtefahrzeug lag, das später von vier Dieselloks auf einem zweispurigen Gleisbett zu einem der beiden Startkomplexe gezogen werden konnte. Die Anlagen auf Platz 110 hatte das GSKB SpezMash von Wladimir P. Barmin konzipiert. Zwei Startrampen des Typs 11P852 waren im Abstand von 500 m errichtet worden. Dort wurde die Rakete auf einem Stützring über einem kreisrunden Schacht aufgerichtet, von dem drei 42 m tiefe, mit Wasser beflutbare, Deflektorschächte wegführten. Dominiert wurde der Startkomplex von zwei jeweils 180 m hohen Blitzableitermasten und dem 145 m hohen Versorgungsturm. Dieser war drehbar um einen Zapfen gelagert, durch den auch die Zuführung der Treib– und Betriebsstoffe erfolgte. Auf zwei Drehgestellen gelagert konnte der Turm im Halbkreis von seiner Parkposition an die Rakete herangeschwenkt werden. Der Bau dieser charakteristischen Bodeninstallationen blieb auch den US Geheimdiensten nicht verborgen, was die NASA darin bestärkte, das 1961 von US Präsident John F. Kennedy gesetzte Ziel, noch vor Ende des Jahrzehnts einen US Astronauten sicher auf dem Mond zu landen, auch tatsächlich zu erfüllen.
Die Fertigung der Strukturelemente für die ersten N-​1 Raketen lief im Februar 1967 im „Progress“ Werk in Samara an. Im Laufe des Jahres trafen die ersten Lieferungen in Baikonur ein und am 25.11.1967 wurde die 1M1 Attrappe der N-​1 Rakete erstmals auf dem rechten Start (110P) aufgerichtet. Der weiter westlich gelegene linke Start (110L) wurde erst im November 1968 fertiggestellt. Mit dem 1M1 Funktionsmodell der Rakete wurden drei Wochen lang Tests der Bodeninstallationen unternommen und die Mannschaften trainiert. Am 12.12.1967 kehrte die Rakete dann ins MIK zurück. Im Frühjahr 1968 konnte endlich auch die erste N1-​L3 (Seriennummer 3L, Prod.-Nr. 15003) in Baikonur montiert werden. Die Rakete entsprach leistungsmäßig noch nicht dem Serienstandard für die Mondmissionen. Die Triebwerke erreichten noch nicht den geforderten Schub und so lag die Nutzlastkapazität lediglich bei etwa 70 Tonnen. Als die Rakete am 07.05.1968 auf dem rechten Start aufgerichtet wurde, entdeckte man Mikrorisse an den Aufhängungen des Sauerstofftanks der Erststufe. Die Rakete mußte ins MIK zurückgebracht und repariert werden. Bedenklich war, daß die Ursachen der Risse im Dunkel blieben. Eigentlich hatte der Jungfernflug der N1-​L3 bereits im März 1968 stattfinden sollen. Nun wurde die Rakete erst im November 1968 wieder aufgerichtet. Parallel dazu liefen Tests mit der 1M1 Attrappe auf dem zweiten Startkomplex. Ziel war es, der ersten bemannten Mondumrundung durch Apollo 8 wenigstens mit einer spektakulären unbemannten Mondmission zuvorzukommen. Doch endlose technische Probleme verhinderten dies. Erst Mitte Januar waren die Schwierigkeiten soweit überwunden, daß der vierwöchige Countdown aufgenommen werden konnte. 2.300 Spezialisten arbeiteten nun in Baikonur rund um die Uhr an dem Projekt. Eine 24-​stündige wetterbedingte Verschiebung sorgte schließlich dafür, daß der Start genau am 21.02.1969, dem „Tag der Sowjetarmee“ stattfand. Unter dem Jubel der Techniker und Soldaten hob die Rakete langsam tatsächlich ab. Auf dem Kosmodrom und in der Wohnstadt Leninsk hielten die Menschen den Atem an, als das gewaltige Projektil am Himmel sichtbar wurde. Doch im Kontrollbunker hatte man längst bemerkt, daß nicht alles nach Plan verlief. Deutlich sichtbar war ein Feuer in der Triebwerkssektion der Rakete. 69 s lang stieg die Rakete auf, dann schaltete das Kontrollsysteme KORD schlagartig alle Triebwerke der ersten Stufe ab. Aus 14 km Höhe stürzte die Rakete zu Boden. Ihre Trümmer schlugen 45 km vom Startplatz entfernt in der Steppe auf.
Ausgelöst worden war das Desaster durch ein eigentlich hochmodernes Kontroll– und Steuerungssystem für die 30 Erststufentriebwerke. Bereits in der Entwurfsphase war den Ingenieuren klar gewesen, daß bei der Vielzahl der Triebwerke mit Ausfällen zu rechnen war. Daher kam dem Steuerungssystem eine besondere Bedeutung zu. Da die Triebwerke starr montiert waren, konnte die Rakete nur durch die Schubregelung der jeweils paarweise anzusteuernden gegenüberliegenden Triebwerke um die Nick– und Gierachse gelenkt werden. Die Rollkontrolle übernahmen zwölf ebenfalls paarweise angebrachte tangential zum Heck ausgerichtete Ruderdüsen, die mit Turbinengas vom Gasgenerator der Haupttriebwerke gespeist wurden. Das Schub-​Masse-​Verhältnis der Rakete erlaubte den Ausfall von maximal drei Triebwerken innerhalb der ersten 90 s Flug. Das KORD System, das von einem Expertenteam des ZKBEM und dem NIIAP Institut unter Nikolai A. Piljugin entwickelt worden war, war bei weitem das komplexeste derartige Steuerungssystem für eine sowjetische Rakete. Doch beim ersten Start reagierte das System falsch. Wie die Analyse der Telemetriedaten und Filmaufnahmen zeigte, hatte das KORD noch 0,37 s vor dem Abheben der Rakete fälschlich die gegenüberliegenden Triebwerke #12 und #24 abgeschaltet. Dennoch hob die Rakete sauber ab, doch nach 25 s strömte am Triebwerk #28 heißes Sauerstoffgasgemisch aus und bildete in der Triebwerkssektion ein explosives Gemisch. Das Feuer breitete sich weiter aus und zerstörte schließlich auch den Kabelbaum, über den die Telemetriedaten ins KORD eingespeist wurden. Nachdem also die Informationen zum Status der Systeme aublieben, löste das KORD die Notabschaltung der Triebwerke aus und initiierte die Notsequenz für das SAS Rettungsraketensystem, das die Nutzlast von der Rakete weg und in Sicherheit brachte. Auch wenn die Arbeit des KORD Defizite offenbart hatte, lag die eigentliche Ursache für den ernüchternden Fehlstart doch in den noch nicht ausgereiften Kusnezow NK-​15 Triebwerken. Denn das Leck, das das Feuer auslöst, resultierte möglicherweise aus einer plötzlich aufgetretenen hochfrequenten Resonanzoszillation in einem der Triebwerke. Mischin hatte das Triebwerksproblem klar erkannt und forderte einmal mehr Prüfstandversuche auch für die komplette erste Stufe. Wieder wurde er abschlägig beschieden. Stattdessen wurde von einer Expertenkommission die Empfindlichkeit der NK-​15 Triebwerke gegenüber metallischen Fremdkörpern bemängelt. Doch statt daraus die Konsequenz zu ziehen und Filter einzubauen konentrierte man sich auf andere Änderungen. Der Brandschutz wurde verbessert, jedes Triebwerk erhielt ein Halogen-​Feuerlöschsystem und das KORD Kontrollsystem wurde aus dem Heck verlegt, um seine Überlebensfähigkeit zu erhöhen.
Das nützte nichts, als am 03.07.1969 beim zweiten Start der N1-​L3 Metallspäne aus dem Treibstoffsystem in die Oxidatorpumpe von Triebwerk #8 gespült wurden und dieses noch vor dem Abheben zerstörten. Herumfliegende Trümmer verursachten vielfältige Beschädigungen. Den sich rasant ausbreitenden Brand konnten auch die Löschsysteme nicht unter Kontrolle bringen. Aus nur 200 m Höhe stürzte die vollbetankte Rakete 5L auf den rechten Startkomplex und verwüstete ihn total.
Es dauerte bis zum 27.07.1971, bis mit der Rakete 6L die nächste N1-​L3 startbereit war und ihre Freigabe erhielt. Diesmal arbeiteten alle Triebwerke normal, doch als die Rakete nach einigen Sekunden das neu eingeführte Schwenkmanöver einleitete, das sie von der Startrampe wegführen und eine ähnliche Katastrophe wie beim letzten Start verhindern helfen sollte, geriet der 100 m hohe Komplex außer Kontrolle. Die Steuerdüsen der ersten Stufe erwiesen sich als zu schwach und erreichten schon nach 14 s ihre maximale Auslenkung. Dennoch neigte sich die Rakete immer weiter. Schließlich brach die Rakete auseinander, bevor das KORD nach 51 s alle Triebwerke abschaltete. Die Untersuchung des Fehlstarts führte die Experten auf die Spur bis dahin unbekannter gasdynamischer Effekte zwischen den 30 Triebwerken der Erststufe. Verstärkt worden waren diese noch durch die ungewöhnliche konische Form der Rakete.
Obwohl der Wettlauf zum Mond längst entschieden war, konnte Mischin noch eine vierte N1-​L3 zum Start vorbereiten. Sie hatte eine neu gestaltete Hecksektion, das KORD wurde komplett überarbeitet, neue Kreiselplattformen eingeführt, vier separate leistungsfähige „Rudertreibwerke“ installiert, das Feuerlöschsystem verbessert und ein komplett neues weitaus leistungsfähigeres Telemetriesystem eingeführt. Dieses konnte 13.000 Meßwerte abfragen und übertragen. Zahlreiche Details aus dem Entwicklungsprogramm für die geplante Serienvariante der N-​1, der N1F, flossen beim Bau der Rakete 7L ein. Trotz zahlreicher Anfeindungen war es Mischin gelungen, die Startfreigabe für diese Rakete zu erhalten. Und der Start am 23.11.1972 schien endlich den langersehnten Erfolg zu bringen. 107 s stieg die Rakete perfekt auf, bevor sie in 40 km Höhe explodierte. Wieder hatte es einen Brand gegeben, nachdem in der 104. Sekunde die Oxidatorpumpe von Triebwerk #4 explodiert war. Zu den Ursachen des Versagens konnte allerdings kein Konsens gefunden werden. Im OKB-​276 vertrat man nämlich die These, daß die nach 90 s planmäßig erfolgte abrupte Abschaltung der sechs inneren NK-​15 Triebwerke zu einem Schlag im hydraulischen System und dem Bruch einer Sauerstoffhauptleitung am Triebwerk #4 geführt hatte.
Nach dem vierten Fehlstart einer N-​1 wurden von der Untersuchungskommission Experten anderer Konstruktionsbüros hinzugezogen. Gluschko schlug daraufhin beispielsweise vor, statt der NK-​15 30 seiner RD-​253 Triebwerke in der Erststufe einzusetzen. Dennoch ging man im ZKBEM, wie das ehemalige OKB-​1 seit März 1966 hieß, davon aus Ende 1974 die Raketen 8L und 9L aus der grundlegend verbesserten N1F Serie starten zu können. Schließlich hatten die NK-​15 schon einmal fast perfekt über die volle Dauer gearbeitet. Und in Prüfstandversuchen hatten die verbesserten Triebwerke NK-​33 (Erststufe), NK-​43 (Zweitstufe) und NK-​39 (Drittstufe) herausragende Ergebnisse erzielt. In Verbindung mit den nun endlich eingebauten Treibstoffiltern und Schwingungsdämpfern sollte die Zuverlässigkeit nun endlich den Ansprüchen genügen. Und mit 105 Tonnen erreichte die Nutzlastkapazität auch die geforderten Werte. Im Mai 1974 liefen die Montagearbeiten für die Rakete 8L auf Hochtouren, als der für Raumfahrtangelegenheiten zuständige Minister Sergej J. Afanasjew auf einer Routinesitzung der ZKBEM Leitung erschien und die Ablösung Mischins als Leiter sowie die Restrukturierung der Organisation als NPO „Energija“ ausgerechnet unter Führung des rivalisierenden Mischin verkündete. Binnen weniger Wochen ließ Gluschko alle Arbeiten an der N-​1 einstellen und die bereits produzierten Komponenten vernichten. Teile für 10 Raketen wurden so zerstört oder endeten zweckentfremdet als Garagen oder Sandkästen. Auch wenn fraglich ist, ob die N-​1 jemals einer vernünftigen Zweckbestimmung hätte zugeführt werden können, ging damit doch ein ungeheures Potential verloren. Gluschko tilgte alle Spuren und begann stattdessen die Arbeiten an seinem Entwurf für eine Rakete mit ähnlichen Leistungscharakteristika, die schließlich zur „Energija“ führten. Eine Rakete, die ausgerechnet mit den von ihm einst verworfenen Treibstoffkombinationen Kerosin /​Flüssigsauerstoff und Flüssigwasserstoff /​Flüssigsauerstoff betrieben wurde! Kusnezow sollte nie wieder die Gelegenheit erhalten, Triebwerke für eine sowjetische Rakete zu entwickeln, blieb aber erfolgreich als Designer von Strahltriebwerken und Gasturbinen. Mehr als zwei Jahrzehnte versteckten seine Mitarbeiter insgesamt etwa 150 NK-​33, NK-​43 und NK-​39 Triebwerke und verhinderten so ihre Verschrottung. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Öffnung für westliche Investoren fanden sich auch Interessenten für die Triebwerke, die durch ihre ausgezeichneten Kennwerte und die Möglichkeit der Wiederverwendbarkeit auszeichneten. Mitte der 1990er Jahre kaufte die Aerojet-​General Corporation insgesamt 36 NK-​33 und NK-​43 Triebwerke für 1,1 Mio. $ je Triebwerk. Verbunden damit war die Erlaubnis für eine Lizenzproduktion. Erster Interessent für den Einsatz der nun als AJ26-​58 bzw. AJ26-​59 bezeichneten Triebwerke war Kistler Aerospace, die mit ihnen ihre K-​1 Rakete antreiben wollten. Auch RKK Energija entwarf mehrere Studien, die den Einsatz von NK-​33 in der Erststufe der Sojus Rakete vorsahen. Keiner der Entwürfe wurde bisher umgesetzt. Doch in 2008 gab das US Unternehmen Orbital Sciences Corporation bekannt, daß es die Entwicklung der Taurus II Rakete begonnen hatte und zwei „amerikanisierte“ NK-​33 als Erststufenantrieb vorsah. Tatsächlich erleben die Triebwerke nach mehr als 3½ Jahrzehnten nun doch noch ihren Einsatz.


Anm.: Den Zusatz Царь (Zar) tragen im Russischen diverse imposante, aber meist nutzlose Konstruktionen. Bekannte Beispiele sind die Zarenkanone, die nie im Gefecht eingesetzt wurde, und die Zarenglocke, die nie geläutet wurde. Beide zählen zu den wichtigsten Touristenattraktionen innerhalb des Moskauer Kremls.