Hintergrundartikel
Olafs Raumfahrtkalender

Olafs Raumfahrtkalender

Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-09-20T17:32:44+02:00

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Walja“, die erste Frau im All

Sowohl die USA als auch die Sowjetunion verfügten Anfang der 1960er Jahre nur über bemannte Raumschiffe mit sehr begrenzten Möglichkeiten („Wostok“ bzw. „Mercury“). Während die NASA aber schon bald Pläne für ein weitaus fortschrittlicheres zweisitziges Raumschiff („Gemini“) in Angriff nahm, mußten die sowjetischen Experten die Zeit bis zur Einsatzreife des weitaus moderneren „Sojus“ Raumschiffs mit immer neuen spektakulären Missionen überbrücken. Um jeden Preis mußte der Eindruck hinterlassen werden, die Sowjetunion verlöre Boden im Wettlauf um die Vormachtstellung im All. Das gelang natürlich nur solange, wie man den Westen im Unklaren darüber lassen konnte, welch simplen (wenn auch auf ihre Art genialen) Konstruktionen die russischen Wostok Kapseln waren. Während die NASA noch mit den Tücken der Mercury Kapsel kämpfte, die bei jedem Flug mit neuen technischen Problemen überraschte, legte man in der Sowjetunion zunächst einen mehr als eintägigen Flug vor. Längere Flüge waren bereits geplant. Eine weitere Idee war es, Gruppenflüge mehrerer Raumschiffe zu unternehmen. Zwar war die Wostok 8K82K Rakete nicht gerade für ihre Präzision beim Bahneinschuß bekannt, doch konnte es bei Einhaltung enger Toleranzen gelingen, zwei Raumschiffe auf Bahnen einzuschießen, die kurzfristig eng beieinander lagen. Und davon hing ausschließlich der Erfolg der Mission ab, gab es doch mit dem Wostok Raumschiff keine Möglichkeit, die Bahn später noch zu justieren. Im August 1962 konnte die Sowjetunion der staunenden Welt die neuerliche Meisterleistung präsentieren. Im Abstand von weniger als 24 Stunden starteten zwei Wostok Raumschiffe von Baikonur. Beim Einlauf in die Umlaufbahn betrug der Abstand von Wostok 4 zu Wostok 3 ganze 6 km, vergrößerte sich aber rasch. Bald schon gab es Gerüchte über ein bevorstehendes Docking. Dies wurde zwar von sowjetischer Seite als nicht zutreffend zurückgewiesen, westliche Experten trauten der sowjetischen Raumfahrt damals aber beinahe jede Überraschung zu. Jedenfalls war der Gruppenflug unabhängig vom Propagandawert ein herausragender Erfolg der sowjetischen Raumfahrt. Zwei Großraketen mußten innerhalb eine Tages startbereit gemacht werden, wobei nur eine Rampe zur Verfügung stand. Dann verblieben nur wenige Stunden, um die Bahn von Wostok 3 präzise zu bestimmen und so den Aufstiegskurs von Wostok 4 zu berechnen. Und schließlich mußte aus dem Kontrollbunker in Baikonur der Flug von zwei bemannten Raumschiffen koordiniert werden. Das galt auch für die Landung, die im Abstand von nur wenigen Minuten stattfand. Obwohl man zur Umsetzung der Idee vom Gruppenflug bewußt auch beträchtliche Risiken einging, verdient das Unternehmen großen Respekt. tereschkowa_beim_essen Nach dem Erfolg der von Sergej P. Koroljow projektierten Mission gingen die Planer unter dem Druck der sowjetischen Staats– und Parteiführung daran, eine neues spektakuläres Unternehmen zu planen. Zur Debatte standen u.a. weitere Langzeitmissionen, Gruppenflüge und der Flug einer Frau ins All. Auch Kombinationen dieser Themen wurden untersucht. Schließlich wurde entschieden, das seit 1961 laufende Programm für den ersten Raumflug einer Frau mit einem weiteren Gruppenflug zu kombinieren. Lange Zeit war der Gruppenflug von zwei Kosmonautinnen favorisiert worden, doch wurde die Produktion von ausreichend Wostok Kapseln für die Umsetzung aller Ideen nicht autorisiert. Bis zuletzt blieb der Einsatz der weiblichen Kosmonautenanwärterinnen umstritten. Im Gegensatz zur offiziellen Politik war die Gleichberechtigung der Frau auch im Kommunismus im Alltag längst nicht soweit fortgeschritten. Vor allem unter den Militärs im sowjetischen Raumfahrtprogramm gab es (ähnlich wie in den USA) daher offene Ablehnung gegenüber dieser Idee. Das schien sich zu bestätigen, als einige der fünf schließlich ausgewählten Frauen in der Ausbildung scheiterten. Doch schließlich wurde mit Walentina Tereschkowa von Staats– und Parteichef Nikita S. Chruschtschow persönlich eine geeignete Kandidatin ausgewählt. Da man von der ersten Kosmonautin eine ähnliche Öffentlichkeitswirksamkeit wie von Juri Gagarin erwartete, legte man Wert auf eine perfekte kommunistische Biographie, aber auch ein perfektes Auftreten in der Öffentlichkeit und ein sympathisches Äußeres. Im Mai 1963 liefen schließlich die Vorbereitungen für die Doppelmission. Doch immer neue technische Probleme sorgten für eine Reihe von Verzögerungen. Im Juni gab es dann auch noch Befürchtungen hinsichtlich heftiger solarer Aktivitäten. Vor allem Waleri Bykowski, der als erster starten und für die tereschkowa_tv neue Rekorddauer von acht Tagen im All bleiben sollte, wäre sehr gefährdet gewesen. Schließlich schien die solare Aktivität etwas nachzulassen und die Starts wurden für den 14. und 15.06.1963 angesetzt. Planmäßig hob die Rakete mit Wostok 5 am 14.06.1963 von Baikonur ab, doch lag die erreichte Umlaufbahn viel zu niedrig für den projektierten Langzeitflug. Dazu kam, daß die immer noch sehr aktive Sonne die Bahn rasch weiter sinken ließ. Die starke aerodynamische Abbremsung ließ zudem die Temperatur im Servicemodul des Raumschiffs auf kritische Were steigen. Bykowski, der einem Abbruch der Mission zuvorkommen wollte, hielt sich mit Berichten über die „sehr unkomfortablen“ Zustände an Bord seines Raumschiffs bewußt zurück und erhielt schließlich die Freigabe für einen immerhin fünftägigen Flug. Und auch der Gruppenflug mit Wostok 6 stand weiter auf dem Programm. Planmäßig hob auch die zweite Wostok 8K82K Rakete ab und brachte Wostok 6 am 16.06.1963 auf eine Bahn, die in 5 km Entfernung an Wostok 5 vorbeiführte. Für einen Orbit waren die beiden Kosmonauten in der Lage, direkt miteinander zu kommunizieren, danach war dies nur noch über eine Relaisstation am Boden möglich. Während ihres Raumflugs hatten beide Kosmonauten jeweils ein kleines Forschungsprogramm zu absolvieren. Während dies Bykowski ohne größere Schwierigkeiten absolvierte, gab es mit Tereschkowa wohl einige Probleme. Für einige Zeit reagierte sie nicht auf Anfragen der Flugleitung, was Befürchtungen hinsichtlich ihres physischen wie psychischen Zustands aufkommen ließ. Daraufhin wurde entschieden, ihr nicht die manuelle Kontrolle für die Lageregelung zu übertragen. bykowski_chruschtschow_tereschkowa Wie einst Gagarin, hätte Tereschkowa nun nur im Notfall die Handsteuerung übernehmen können. Nach außen hin war der Doppel-​Flug aber ein großartiger Erfolg und nicht zuletzt der gelebte Beweis für die Gleichberechtigung der Frau in der Sowjetunion. Nach der geglückten Landung der beiden Kosmonauten wurde ihnen in Moskau ein begeisterter Empfang bereitet. „Walja“ Tereschkowa wurde bald schon als Botschafterin für die Sache des Sozialismus auf Reisen geschickt. Allein oder gemeinsam mit Bykowski bereiste sie die sozialistischen „Bruderländer“, Dritte Welt Statten und das westliche Ausland. Dabei zeigte sich, daß sie ihre Sache in der Öffentlichkeit sehr gut machte. Koroljow war angeblich von ihrer Leistung während des Fluges sehr enttäuscht. Im Sinne der sowjetischen Propaganda erwies sich die Tereschkowa aber als ausgezeichnete Wahl. Für Schlagzeilen sorgte sie auch am 03.11.1963. An diesem Tag heiratete sie den Wostok 3 Kosmonauten Andrijan Nikolajew. Auch wenn ihre internationale Präsenz in späteren Jahren nachließ, machte sie doch in der Sowjetunion Karriere. Im Mai 1966 wurde sie in den Obersten Sowjet der Sowjetunion gewählt. Später wurde sie Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU, des Präsidiums des Obersten Sowjets u.a.m. Ihr Eintreten für eine wirkliche Gleichberechtigung der Frauen im sowjetischen bemannten Raumfahrtprogramm blieb hingegen weitgehend fruchtlos. 1969 wurde die Frauengruppe der Kosmonauten aufgelöst. Und so dauerte es 19 Jahre, bis mit Swetlana Sawizkaja wieder eine Frau ins All flog.