Chronik
Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-05-25T06:16:50+02:00

April 2016.

2April

Blue Origin Flight Three: Pushing the Envelope

Das US Unternehmen Blue Origin des Milliardärs Jeff Bezos unternahm am 02.04.2016 auf dem eigenen Testgelände in Texas einen weiteren vertikalen Testaufstieg seines New Shepard Systems. Nach dem Verlust des ersten, NS1, bei einem mißglückten Landemanöver im April 2015, waren zwei weitere Flüge des NS2 Systems aus Rakete und Kapsel rundum erfolgreich verlaufen. Während die Rakete am Startort vertikal sanft landete, ging die Kapsel unweit entfernt nach einem ballistischen Flug sicher am Fallschirm nieder. Nachdem mit den beiden vorangegangenen Flügen die generelle Wiederverwendbarkeit des New Shepard Systems demonstriert worden war, sollten weitere Flüge die bisherigen Ergebnisse bestätigen helfen. Zukünftig war auch geplant, die Toleranz gegenüber bewußt provozierten Fehlern zu testen. Und mit NS3 sollte bald auch ein drittes Exemplar die Erprobung aufnehmen. Doch der Flug von NS2 am 02.04.2016 war zunächst eine nahezu perfekte Wiederholung der beiden vorangegangenen. Die maximale Flughöhe lag bei 103,38 km. Rakete und Kapsel landeten sicher und in gutem Zustand.
5April

die startbereite CZ-2D mit ShiJian 10

die Landekapsel von SJ-10

Der bereits seit geraumer Zeit angekündigte Start eines weiteren „Seeds Satellite“ erfolgte am 05.04.2016 mit einer CZ-​2D stretched vom ältesten chinesischen Raumfahrtgelände, Jiuquan. China hatte bereits in den 1980er Jahren mit rückführbaren Satelliten begonnen, nicht nur Kameras für Aufklärungs– und Erderkundungszwecke zu starten, sondern auch Mikrogravitationsexperimente zu fliegen. Zu dieser Zeit wurden auch erste Proben von Saatgut gezielt höheren Strahlungsdposen ausgesetzt in der Hoffnung, nützliche Mutationen auszulösen. Auch wenn die Versuche von vielen westlichen Wissenschaftlern als wenig fundiert abgelehnt wurden, präsentierten ihre chinesischen Kollegen immer wieder Nutzpflanzen, denen ein überdurchschnittlicher Ertrag zugesprochen wurde und die aus derartigen Experimenten stammten. Im September 2006 flog dann mit ShiJian 8 erstmals ein rückführbarer Satellit der FSW Klasse im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums eine Mission ausschließlich zur Züchtung neuer Sorten. Dazu waren 215 kg an Samen und Pilzen an Bord untergebracht, die gezielt kosmischen Einflüssen ausgesetzt wurden. Das Unternehmen wurde als großer Erfolg bewertet und nun mit ShiJian 10 wiederholt. Allerdings flogen auf dem weiterentwickelten Satelliten diesmal auch Experimente zur Strömungsphysik, Materialwissenschaft, zum Studium von Verbrennungsprozessen und diversen biologischen bzw. biotechnologischen Forschungen. Ursprünglich hatte SJ-​10 die Erde auf einer relativ hohen Bahn mit vergleichsweise hoher Strahlungsintensität umkreisen sollen. Offenbar als Kompromiß aus den Erfordernissen der unterschiedlichen an Bord des Satelliten geflogenen Experimente wurde dann aber doch eine eher niedrige Bahn vergleichbar der früherer FSW Missionen geflogen. Nach einem knapp zweiwöchigen Flug kehrte die Landekapsel des Satelliten am 18.04.2016 im Siziwang-​Banner in der Inneren Mongolei sicher zur Erde zurück und wurde geborgen.
8April

Start der Falcon 9 v1.2 zur CRS-8 Mission

SpaceX CRS-8 Landung auf OCISLY

OCISLY mit der gelandeten CRS-8 Erststufe

der CRS-8 „Dragon“ im Anflug auf die ISS (links eine der Solarzellen von SS "Rick Husband")

Nach dem Verlust der SpX 7 (CRS 7) Mission zur Versorgung der ISS verging über ein dreiviertel Jahr, bis das Unternehmen SpaceX das nächste „Dragon“ Frachtraumschiff startklar hatte. Zwar waren die Starts der Falcon 9 Rakete bereits Ende 2015 wieder aufgenommen worden, doch der Nachschub zur ISS flog vorläufig weiter auf anderen Schiffen. Nun hatte die NASA aber die CRS 8 Mission in den Flugplan aufgenommen. Denn einerseits konnten die „Dragon“ Kapseln als einzige Fracht auch zurück zur Erde transportieren. Und andererseits erlaubte nur ihre Konstruktion die Mitnahme realtiv großvolumiger Fracht in einem nicht-​druckbeaufschlagten Teil, dem sogeannten „Trunk“. Tatsächlich hatte die NASA mit dem US Unternehmen Bigelow Aerospace einen Vertrag abgeschlossen der vorsah, deren aufblasbares Raumstationsmodul BEAM zwei Jahre lang zu erproben. Der Transport war nun im Rahmen der CRS 8 Mission geplant, der Start für den 08.04.2016 angesetzt. Mit einem pünktlichen Start exakt zum geplanten Zeitpunkt am 08.04.2016 um 20:44 UTC demonstrierte SpaceX, daß man auch die Handhabung der superkalten Treibstoffe für die Falcon 9 v1.2 nun weitgehend beherrschte. Während die zweite Raketenstufe mit dem „Dragon“ noch einen Orbit ansteuerte, unternahm die Erststufe wieder einmal den Versuch, auf der im Atlantik 300 km vor der Küste Floridas wartenden Plattform „Of Course I Still Love You“ zu landen. An Land war das ja bereits gelungen, die bisherigen Versuche auf See waren bisher jedoch, teils nur knapp, gescheitert. Anders diesmal. Um 20:52 UTC setzte die Stufe sicher unter dem Jubel der SpaceX Mitarbeiter und ungezählter Raumfahrtfans weltweit auf der Barge auf. Bis zur Rückkehr in den Hafen von Port Canaveral vergingen noch vier Tage, da die geschleppte Plattform mit der wertvollen Fracht nur mit kleiner Fahrt unterwegs war, um bei dem herrschenden Seegang keinen Verlust der über 40 m aufragenden Stufe zu riskieren. Wieder in Florida angekommen zeigten erste Inspektionen, daß die Stufe das Manöver in ausgezeichnetem Zustand überstanden hatte. Auch die Zweitstufe erledigte ihre Aufgabe ohne Auffälligkeiten und setzte die „Dragon“ auf der vorgesehenen Bahn ab. Von dieser ausgehend manövrierte das Raumschiff dann bis zum 10.04.2016 an die ISS heran. In einer mehrstufigen Operation erfolgte die finale Annäherung, bis am 10.04.2016 um 11:23 UTC der Manipulatorarm der ISS das Frachtraumschiff sicher gegriffen hatte. Und um 13:57 UTC war das Berthing am „Harmony“ Modul vollzogen. Neben dem BEAM Modul hatten damit auch vielfältige andere Versorgungsgüter die Station erreicht, darunter sechzehn Flock 2d CubeSats. Die Extraktion des immer noch kompakt zusammengefalteten Bigelow Expandable Activity Module aus dem „Dragon“ Trunk erfolgte am 16.04.2016 gegen 06:00 UTC und um 09:37 UTC war seine Verankerung am Heck des „Tranquility“ Moduls abgeschlossen. Die gesamte Operation war unter Einsatz des Canadarm2 Manipulatorarms erfolgt.
Die CRS-​8 „Dragon“ blieb bis zum 11.05.2016 mit der ISS verbunden. Dann wurde die Rückkehr zur Erde eingeleitet. Der Manipulatorarm der Station gab das Schiff um 13:19 UTC frei. Nach einem Bremsmanöver wasserte die Landekapsel des Schiffs am 11.05.2016 um 18:51 UTC per Fallschirm im üblichen Seegebiet vor der kalifornischen Pazifikküste. Zur Rückfracht gehörten diesmal der EMU 3011 Raumanzug, dessen Fehlfunktion Luca Parmitano im Juli 2013 in Lebensgefahr gebracht hatte, sowie die beiden Flock 2b Satelliten, die im Oktober 2015 wegen eines technischen Problems nicht hatten ausgesetzt werden können.
25April

Start der Sojus-STA VS14

Sentinel 1B auf der Fregat-M Stufe

erstes Radarbild von Sentinel 1B (links der Svalbard Archipel)

Zwei Jahre nach dem ersten Sentinel 1 Erderkundungssatelliten für das gemeinsam von ESA und Europäischer Kommission finanzierte GMES (Global Monitoring for Environment and Security) Programm startete am 25.04.2016 von Kourou mit Sentinel 1B das zweite Exemplar. Trägerrakete war wieder die Sojus-​STA mit Fregat-​MT Beschleunigungsstufe. Ein erster Countdown für den Start am 22.04.2016 war wegen der herrschenden meteorologischen Bedingungen frühzeitig abgebrochen worden. Auch am nächsten Tag hatte sich die Situation nicht gebessert, so daß vor dem Beginn der Betankung ein erneuter 24-​stündiger Aufschub ausgerufen wurde. Am 24.04.2016 wurde eine Stunde vor dem geplanten Start eine Anomalie in einer Inertialmeßeinheit der Sojus registriert und der Countdown abgebrochen. Nach dem Austausch der Baugruppe gelang am 25.04.2016 dann ein reibungsloser Countdown und fehlerfreier Start.
Die inzwischen vier bei Thales Alenia Space bestellten Sentinel 1 Satelliten basierten auf dem Prima-​Bus, der für die italienischen COSMO-​SkyMed Satelliten entworfen worden war. Auch die Ausrüstung der Satelliten ähnelte sich. Während allerdings die COSMO-​SkyMed Konstellation auf dem Einsatz von X-​Band Radar basierte, kam im Sentinel 1 System ein C-​Band SAR zur Verwendung. Je nach Betriebsmodus konnte dieses Aufnahmen mit einer Auflösung zwischen 5 und 25 m liefern bei einem maximal 700 km (typisch 400 km) breiten abgetasteten Streifen.
Die Kapazität der Trägerrakete ließ die Mitnahme kleinerer sekundärer Nutzlasten zu, wovon diesmal der französische MICROSCOPE und drei CubeSats im Rahmen der „Fly Your Satellite!“ Kampagne profitierten. Eigentlich hätte noch ein vierter Nanosatellit mitfliegen sollen. Doch beim norwegischen NORSAT 1 waren im letzten Augenblick Zweifel aufgekommen, ob die von Arianespace bereitgestellte Trägerstruktur für die XPOD Startvorrichtung den Belastungen des Starts gewachsen sein würde. Aus Sicherheitsgründen wurde NORSAT 1 daher vom Start zurückgezogen. Davon unbeeinträchtigt flogen auf dieser Mission AAUSAT 4, e-st@r 2 und OUFTI 1. Jeweils 1U CubeSats. Mit AAUSAT 4 setzte die dänische Aalborg Universitet ihr studentisches Ausbildungsprogramm fort. Hauptaufgabe des Satelliten war danach die Erprobung eines eigenentwickelten AIS (Automated Identification System) Empfängers zur Bestimmung von Schiffspositionen. e-st@r 2 sollte ebenso wie sein Vorgänger vor allem als Trainingsobjekt für Studenten des Politecnico di Torino dienen. Seine Besonderheit war ein Active Attitude Determination and Control System (A-​ADCS) auf Basis von Elektromagneten. Studenten der Université de Liège wiederum hatten OUFTI 1 (Orbital Utility For Telecommunications /​Technology Innovations) gebaut. Der Satellitenbus war von der Pumpkin Inc. aus den USA bezogen worden. Mit OUFTI 1 sollten vor allem zwei Systeme erprobt werden. Ein Digipeater auf Basis des D-​STAR (Digital Smart Technologies for Amateur Radio) Kommunikationsprotokolls und ein innovatives „Netzteil“ zur Energieversorgung, das von der belgischen Thales Alenia Space Niederlassung ETCA konzipiert worden war. Die hocheffizienten Solarzellen des Satelliten hatte das deutsche Unternehmen AZUR SPACE beigesteuert. Aus unbekannten Gründen brach am 07.05.2016 der Kontakt zu OUFTI 1 ab und konnte nicht wieder hergestellt werden. Deutlich größer als die drei CubeSats war der auf dem Myriade Bus basierende MICROSCOPE (Micro-​Satellite à traînée Compensée pour l’Observation du Principe d’Equivalence) Satellit. Französische Forscher wollten mit diesem das Äquivalenzprinzip der Physik überprüfen. Mit dessen Untersuchung hatte Albert Einstein erste Grundlagen für die Allgemeine Relativitätstheorie gelegt. MICROSCOPE führte nun zwei Referenzkörper aus unterschiedlichen Materialien (Platin und Titan) mit, deren Falleigenschaften im Schwerkraftfeld der Erde studiert werden sollten. Vergleichbare Untersuchungen waren zwar bereits auf der Erde mit hoher Präzision unternommen worden. Doch vom T-​SAGE Instrument (Twin-​Space Accelerometer for Gravity Experiment) auf MICROSCOPE erhoffte man sich eine Steigerung der Meßgenauigkeit um den Faktor 100.
27April

Diwata 1 beim Verlassen der Startvorrichtung

die Provinz Isabela auf Luzon (Philippinen) aufgenommen mit der MFC an Bord von Diwata 1

Am 27.04.2016 setzte die Besatzung der ISS den ersten philippinischen Mikrosatelliten, Diwata 1, aus. Mit Unterstützung des Department of Science and Technology (DOST) sowie der japanischen Universitäten Tohoku und Hokkaido hatten Studenten der University of the Philippines Diliman den Satelliten und seine Nutzlast entwickelt. Das Projekt erhielt den Namen PHL-​MICROSAT oder Diwata (in der philippinischen Mythologie ein Wesen, das etwa mit einer Fee oder Nymphe vergleichbar ist). Das Philippine Earth Data Resources and Observation (PEDRO) Center wurde vorbereitet, die Erderkundungsdaten von insgesamt vier Instrumenten zu empfangen und aufzubereiten. Das High Precision Telescope (HPT) sollte Aufnahmen mit 3 m Auflösung liefern, wobei der Bildausschnitt 1,9×1,4 km betrug. Das Multispektral-​Instrument (NIR, R, G, B) eignete sich insbesondere zur detaillierten Begutachtung von Schäden durch Naturkatastrophen. Der Spaceborne Multispectral Imager (SMI) sollte dagegen Informationen zu Variationen der Vegetation oder marinen Produktivität liefern. Hier lag die Auflösung bei 80 m, der Bildausschnitt bei 52×39 km. Die Wide Field Camera hingegen sollte bei einem Blickfeld von 180x134° entlang der Flugrichtung meteorologische Informationen zur Wolkenbedeckung mit 7 km Auflösung liefern. Und die Middle Field Camera konnte einen Bildausschnitt von 121,9x91,4 km mit 185 m Auflösung farbig aufnehmen. Sie diente technologischen Zwecken.
28April

der Sojus Startkomplex von Wostotschnij vor dem ersten Start

der erste Start vom Kosmodrom Wostotschnij

erster Start vom Kosmodrom Wostotschnij

Rocketcam-Aufnahmen vom ersten Sojus-Start in Wostotschnij

MVL-300 (links) auf dem Nutzlastadapter, rechts Aist 2D

Der mit vielen hochfliegenden Erwartungen verbundene Jungfernflug der Sojus-2.1a 14A14 mit Wolga 14S46 Bugsierstufe fand am 28.04.2016 statt. Dabei galt die Aufmerksamkeit weniger der Tatsache, daß es sich um den Jungfernflug einer neuen Variante der Sojus-​Rakete handelte (sowohl die Sojus-2.1a als auch die Wolga-​Oberstufe waren für sich bereits mehr oder weniger erprobt). Auch die Nutzlasten der Rakete waren eher unspektakulär. Das Besondere war, daß mit diesem Flug das neue russische Kosmodrom Wostotschnij eingeweiht wurde. Der damalige Präsident Wladimir W. Putin hatte am 21.11.2007 das Dekret zur Einrichtung eines neuen Kosmodroms auf russischem Boden unterzeichnet, das perspektivisch vollständig die Installationen des (seit der Auflösung der Sowjeunion auf kasachischem Boden befindlichen) Baikonur ablösen sollte. Ende 2008 war dann die Auswahl des Standorts gefallen, wobei sich ein Areal in Amur Region zwischen den Städten Swobodnij und Uglegorsk durchsetzte. Ironischerweise war Swobodnij selbst Namensgeber des formal von 1996 bis 2007 dort befindlichen gleinchnamigen Kosmodroms. Dessen Errichtung hatte am 01.03.1996 der damalige Präsident Boris N. Jelzin angewiesen. Auch damals gab es die Intention, sich auf dem Raumfahrtgebiet von Kasachstan unbhängig zu machen. Das Projekt blieb jedoch hoffnungslos unterfinanziert. Nicht einmal der Umbau der vorhandenen UR-​100N Raketensilos für die zivilen Strela– bzw. Rockot-​Raketen wurde vollzogen. Lediglich fünf Satelliten wurden zwischen 1997 und 2006 mit unterschiedlichen Versionen der Start-​Feststoffrakete, einer zivilen Ableitung der mobilen Topol Interkontinentalrakete, gestartet. Bis die Erschließungsarbeiten für das neue Kosmodrom Wostotschnij begannen, sollten aber noch einige Jahre vergehen. Ursprünglich war der Baubeginn für das Jahr 2010 vorgesehen gewesen, die Fertigstellung acht Jahre später. Tatsächlich rückten die Bauarbeiter aber erst im Sommer 2012 an. Eine zentrale Rolle sollte Wostotschnij als Startort der verschiedensten Varianten der neuen russischen Raketenfamilie Angara spielen. Doch auch deren Serienreife verzögerte sich Jahr um Jahr. Daher rückte die Fertigstellung der Angara Infrastruktur zunächst in den Hintergrund und man konzentrierte sich auf einen Startkomplex für die Sojus-​Rakete. Dabei konnte man glücklicherweise auf die Erfahrungen mit dem neuen Startkomplex für die Sojus im südamerikanischen Kourou zurückgreifen. Waren es dort die tropischen Bedingungen, vor denen die Rakete in einem mobilen und klimatisierten Serviceturm geschützt werden mußte, handelte es sich in Wostotschnij um das sprichwörtliche sibirische Klima, das den Planern Sorgen bereitete. Bald schon zeichneten sich ernste Probleme mit dem Prestigeprojekt des neuen Kosmodroms ab. Trotz einer insgesamt wohl ausreichenden Finanzierung kamen erhebliche Mittel offenbar nicht vor Ort an, sondern wurden von korrupten Beamten und Unternehmern veruntreut. Auch die technischen Hürden waren natürlich nicht unerheblich und Verzögerungen durchaus verständlich. Schließlich bekam der russische Vizepremier Dmitri O. Rogosin die Verantwortung für das Projekt übertragen. Selbst der Inlandsgeheimdienst FSB nahm Korruptionsermittlungen auf. Doch der damalige Roskosmos Direktor Oleg N. Ostapenko verwies auf ein anderes Problem: anders als zu Sowjetzeiten hatte es sich als unmöglich erwiesen, die notwendige Zahl an Fachkräften für die Arbeit im fernen Sibirien zu rekrutieren. Obwohl sich zuletzt auch Präsident Putin persönlich um den Fortgang der Arbeiten kümmerte und mit Besuchen vor Ort Druck aufbaute, wurde im Laufe des Jahres 2015 zunehmend klar, daß der fest eingeplante Termin für die Einweihung des Kosmodroms zum Ende des Jahres nicht haltbar war. Immerhin war ein großer Teil der Wohnstadt Ziolkowski samt Kommunal– und Sozialeinrichtungen fertiggestellt, die Energie-​, Wasser– und Wärmeversorgung sowie die technischen Installationen für den Sojus-​Startkomplex. Doch die Abnahme der zahlreichen technischen Anlagen auf dem Kosmodrom würde Monate dauern. Nachbesserungen nicht eingeschlossen. Schließlich verkündete Putin selbst überraschend, daß die Arbeiten mit Sorgfalt abgeschlossen werden sollten, statt einen imaginären Termin einzuhalten. Gleichzeitig äußerte er aber, daß er den 12. April 2016, den 55. Jahrestag des Raumflugs von Juri Gagarin, schon für einen angemessenen Termin halte… Tatsächlich fand an diesem Tag dann die offizielle Eröffnungszeremonie statt. Für den ersten Start war man aber noch immer nicht bereit. Immerhin liefen jedoch die letzten Abnahmetests. So hatte am 21.03.2016 erstmals eine Sojus-​Rakete auf dem Startkomplex gestanden. Schließlich reiste Präsident Putin zu dem historischen Start an. Doch trotz der intensiven Vorbereitung kam es zu einem blamablen Startabbruch in den letzten anderthalb Minuten vor dem Start, als die Automatik einen Defekt an einem Ventil im Außenblock G der Rakete erkannte. 24 Stunden später gelang dann bei perfekten äußeren Bedingungen ein fehlerfreier Start. Offenbar aus Sorge vor einem PR-​Desaster gab es jedoch keine Live-​Übertragung des Starts. Erst eine Stunde nach dem Start konnten die russischen Medien erste Videos und Bilder präsentieren.
Trotz aller Probleme und Unzulänglichkeiten war es Rußland damit tatsächlich gelungen, die erste Etappe des laut Putin „größten gesamtnationalen Projekts“ erfolgreich abzuschließen. Und das mit einer, für ein Unternehmen dieser Größe, akzeptablen Verspätung von einigen Monaten. Insgesamt war die Schieflage des Projekts aber unverkennbar. Von den Vorstellungen, ab 2018 hier auch bemannt zu starten, war nicht viel übriggeblieben. Dazu kam die neuerliche wirtschaftliche Krise in Rußland, verschärft durch das westliche Embargo nach der Annexion der Krim. Bezeichnend war die Bekanntgabe von Roskosmos, frühestens 2017 den nächsten Start von Wostotschnij unternehmen zu wollen. Und das, obwohl für die Sojus ja nun eine funktionierende Infrastruktur errichtet war, die auch unterhalten werden mußte. Bis dahin konnten die Schäden am Startkomplex (auf den Startvideos waren eine losgerissene Stahltür sowie die herausgerissene und in den Flammschacht geschleuderte Abdeckung einer Versorgungsebene deutlich sichtbar) in aller Ruhe behoben werden. Daß Putin die Enttäuschung über die verspätete Fertigstellung des Kosmodroms ebensowenig verwunden hatte wie die über den Zwischenfall beim ersten Startversuch, wurde auch noch deutlich. Er gratulierte Roskosmos und den Erbauern von Wostotschnij zum erfolgreichen Start. Gleichzeitig „verwarnte“ er aber seinen Vizepremier Rogosin (als Verantwortlichem für die Überwachung der Raketen– und Raumfahrtindustrie) und den neuen (seit Januar 2015 amtierenden) Roskosmos Chef Igor A. Komarow. Die Kritik bezog sich ausgerechnet darauf, daß diese die Lieferung der Sojus-​Rakete noch vor Jahresende 2015 angeordnet hatten, obwohl das Kosmodrom für die Entgegennahme noch gar nicht vorbereitet gewesen war! Eine Disziplinarmaßnahme wurde zudem gegen den Generaldirektor von NPO Automation, Leonid N. Schalimow, verhängt. Sein Unternehmen hatte das defekte Kabel geliefert, das zu dem Sensorausfall am Ventilblock der Sojus-​Grundstufe geführt hatte. Schalimow, ein anerkannter Ingenieur-​Wissenschaftler (korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften) reichte daraufhin seinen Rücktritt als Generaldirektor ein.
Drei Nutzlasten hatten die Gelegenheit zum Mitflug auf der ersten Sojus-2.1a 14A14 mit Wolga 14S46 Bugsierstufe erhalten: der Forschungssatellit MVL-​300 „Michail Lomonossow“, der experimentelle Erderkundungssatellit Aist 2D und der studentische CubeSat SamSat 218D. MVL-​300 basierte auf dem Satellitenbus, den der Hersteller VNIIEM für die Erderkundungssatelliten Kanopus-​V und BelKa 2 entwickelt hatte. Tatsächlich handelte es sich wohl um ein Reserve– bzw. Qualifikationsmodell. Die Mission von MVL-​300 war jedoch auf die Erforschung von Gammastrahlungsausbrüchen gerichtet. Sowohl mittels Detektoren als auch unter Einsatz eines Kamerasystems. Eines der Hauptinstrumente war TUS (Трековая Уcтановка), ein Fresnel-​Spiegel aus sechs Einzelmodulen mit einer Gesamt-​Konzentratorfläche von 1,8 m² und einem Arrangement von UV-​Detektoren im Zentrum. Röntgen– und Gammastrahlendetektoren, eine Superweitwinkel-​Kamera, Dosimeter für Elektronen, Protonen und Neutronen, ein Flux Gate Magnetometer u.a.m. zählten zur weiteren wissenschaftlichen Ausrüstung. Neben Wissenschaftlern der Lomonossow-​Universität Moskau und anderer russischer Institute waren Universitäten aus Südkorea, den USA, Dänemark, Spanien, Mexiko und Taiwan an der Ausrüstung des Satelliten beteiligt gewesen. Wenige Tage nach dem Start lieferte MVL-​300 „Michail Lomonossow“ (so benannt aus Anlaß des 300. Geburtstags des russischen Universalgelehrten und Namengebers der Staatlichen Universität Moskau, Michail W. Lomonossow) die ersten wissenschaftlichen Daten. Auch von dem Erderkundungssatelliten Aist 2D gingen bald erste Aufnahmen ein. Der Satellit war an der Staatlichen Universität für Luft– und Raumfahrt in Samara (russ. СГАУ, engl. SSAU) mit Unterstützung von RKZ (ZSKB) Progress entworfen und gebaut worden. Wichtigstes Instrument war ein Multispektral-​Imager, der Aufnahmen mit 4,5 m Auflösung (1,5 m panchromatisch) liefern sollte. Dazu kam ein neuartiges bistatisches P-​Band Radar (SAR). Dessen Auflösung sollte 5 m erreichen und zudem, je nach Bodenbeschaffenheit, auch Objekte bis zu einer Tiefe von einigen zehn Zentimetern bis zu zehn Metern zeigen. Ebenfalls Studenten der SSAU hatten den 3U CubeSat SamSat 218D gebaut. Mit ihm sollte ein aerodynamisches Stabilisierungssystem erprobt werden. Nach dem Start konnte jedoch kein Kontakt zu ihm aufgebaut werden.
28April

Start der PSLV-XL C33 mit IRNSS 1G

Knapp drei Jahre nach dem ersten Start für das Indian Regional Navigation Satellite System konnte dessen Aufbau am 28.04.2016 abgeschlossen werden. An diesem Tag beförderte eine PSLV-​XL vom Raumfahrtgelände Sriharikota den siebten IRNSS Satelliten auf eine geostationäre Transferbahn. Vier Zündungen des Satellitentriebwerks hoben das Perigäum der Bahn und ließen IRNSS 1G auf eine geostationäre Position über 129,5° Ost driften. Mit der Inbetriebnahme des vorläufig letzten Satelliten konnte Indien seinen eigenen satellitengestützten regionalen Navigationsdienst aktivieren. Im Umkreis von 1.500 km um den Indischen Subkontinent bot dieser uneingeschränkt zugängliche Standard Positioning Services (SPS) wie auch Restricted Services (RS) für das eigene Militär. Nach den USA und Rußland (mit globalen Netzwerken) und China betrieb Indien damit als dritte Nation ein einsatzfähiges Navigationssatellitensystem. Noch vor dem, allerdings anspruchsvolleren, europäischen Galileo.