Chronik
Olafs Raumfahrtkalender

Olafs Raumfahrtkalender

Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

301407
Statistik erstellt: 2017-03-29T18:05:28+02:00

Dezember 2016.

1Dezember

Progress MS-04M vor der Endmontage des Kopfblocks

Einschieben von Progress MS-04 in die Nutzlastverkleidung

Progress MS-04 auf dem Startkomplex

Trümmerstück (Tank) vom Progress MS-04 Fehlstart

Was nach einer weiteren Routinemission aussah, entwickelte sich am 01.12.2016 für die russische Raumfahrtorganisation Roskosmos zu einem Desaster mit unabsehbaren Folgen. Ausgerechnet das vorletzte Exemplar der für ihre Zuverlässigkeit berühmten Sojus-​U 11A511U Rakete erlebte an diesem Tag mit dem Progress MS-​04 Raumschiff einen ihrer seltenen Fehlstarts. Dabei wurden die Exemplare der Sojus-​Rakete, die im bemannten Raumfahrtprogramm zum Einsatz kamen, noch strengeren Kontrollen unterzogen als gewöhnlich. Als die Rakete um 14:52 UTC von Baikonur abhob, gab es zunächst keine Hinweise auf ein bevorstehendes Problem. Doch nach 382 Sekunden Flug überschlugen sich in 181 km Höhe in Millisekunden die Ereignisse. Schlagartig brach die Telemetrie von der Rakete ab. Danach wurden noch Telemetriefragmente der Progress empfangen, die darauf deuteten, daß sich das Raumschiff vorzeitig von der letzten Raketenstufe getrennt hatte. Eigentlich war dies ausgeschlossen, solange das RD-​0110 Triebwerke der letzten Stufe noch lief. Und tatsächlich rammte die Stufe das Raumschiff auch zweimal, was offenbar zu Beschädigungen im Bereich der Triebwerkssektion der Progress führte. Trümmer der letzten Raketenstufe und des Raumschiffs gingen in der autonomen Republik Tuwa in Sibrien nieder. Nur wenige Fragmente konnten in der dünn besiedelten waldreichen Gegend lokalisiert werden. Und auch sie trugen nicht zur Aufklärung des Fehlstarts bei. Mangels aussagekräftiger Telemetrie mußte sich die Untersuchungskommission auf den Abgleich wahrscheinlicher Szenarien mit den vorhandenen Informationen beschränken. Anfangs wurde auch die Annahme untersucht, daß es zu einer irrtümlichen Initiierung der Trennungssequenz gekommen war. Diese Theorie wäre vielen gelegen gekommen, stammte das Kontrollsystem der Sojus-​U doch aus der Ukraine… Tatsächlich gab es aber keine Indizien, die diese Theorie wirklich gestützt hätten. Vielmehr fanden sich in der Telemetrie Hinweise auf ein strukturelles Versagen der dritten Stufe. Ausgelöst entweder vom Sauerstofftank oder durch exzessive Vibrationen der Turbopumpe. Die mehrfach verschobene Veröffentlichung des Untersuchungsberichts erfolgte schließlich am 11.01.2017. Selbst unter Hinzuziehung von NASA Experten (ein in dieser Form bisher einmaliger Vorgang) konnte lediglich ein wahrscheinlichstes Szenario ermittelt werden. Demnach hatte sich zunächst die Sauerstoff-​Turbopumpe des 11D55 Triebwerks zerlegt, entweder infolge von „Fremdpartikeln“ im Leitungs-​/​Tanksystem oder aufgrund von Fertigungsmängeln. Umherfliegende Trümmer und das ausbrechende Feuer beschädigten dann den angrenzenden Sauerstofftank und damit die Block-​I Stufe.
Im Rahmen der Untersuchung wurde die in Baikonur eingelagerte Drittstufe des letzten Sojus-​U Exemplars zurück zum Hersteller nach Samara verschickt und dort gründlichst untersucht. Offenbar aber auch, ohne daß sich dabei konkrete Hinweise auf die Unfallursache ergeben hätten. Spekuliert wurde auch über altersbedingte Probleme der letzten Exemplare. Andererseits waren die Parallelen dieses Fehlstarts zu den Umständen, unter denen Progress M-​27M im April 2015 verlorengegangen war, auffällig. Damals war es ebenfalls zu einer abnormalen Trennung des Raumschiffs von der letzten Raketenstufe gekommen. Die Untersuchungskommission hatte das auf die ungenügende Berücksichtigung des veränderten Schwingungsverhaltens beim Start auf der neuen Sojus-2.1a 14A14 zurückgeführt. Zweifel waren aber auch damals geblieben. Jetzt wurde jedenfalls entschieden, Progress MS-​05 nicht wie ursprünglich geplant mit der letzten Sojus-​U, sondern mit einer Sojus-2.1a zu starten. Für die bemannten Sojus-​Flüge hatte man diese Option jedoch nicht. Hier konnte man nur auf verstärkte Inspektionen setzen.
Für die Besatzung der ISS resultierten aus dem Fehlstart zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen. Doch die letzte Nachschubmission vor dem Weihnachtsfest und Jahreswechsel hatte traditionell einige Überraschungen, Leckereien und persönliche Nachrichten wie auch Geschenke an Bord. Der Verlust von vielfältigen Ersatzteilen und Material für Experimente würde zudem über Monate die Arbeiten an Bord der Station beeinträchtigen. Für die russische Raumfahrt bedeutete vor allem der Verlust des ersten Raumanzugs der neuen Orlan-​MKS Generation einen herben Verlust. Dieser war eigentlich fest für das einzige 2017 definitiv vorgesehene Außenbordmanöver russischer Kosmonauten eingeplant gewesen.
5Dezember

Start der Vega VV08

Im Dezember 2008 gewann das traditionsreiche italienische Raumfahrtunternehmen Telespazio, ein Joint Venture der Technologiekonzerne Leonardo-​Finmeccanica (67%) und Thales (33%) die Ausschreibung des türkischen Verteidigungsministeriums für einen optischen Aufklärungssatelliten. Bedingung für den Auftrag war die umfassende Einbindung der türkischen Verteidigungsindustrie (Savunma Sanayii Müsteşarlığı) und die Unterstützung beim Aufbau einer eigenen Raumfahrt-​Infrastruktur. Dementsprechend lange dauerte es allerdings auch bis zum Start des Göktürk 1A Satelliten (der Vertrag sah den Bau und Start von zunächst einem Satelliten, jedoch den Bau kritischer Komponenten für ein zweites Exemplar vor). Der weniger leistungsfähige und mit südkoreanischer Hilfe gebaute Göktürk 2 war daher bereits 2012 startbereit gewesen. Beim Bau des Satelliten griff man auf den französischen Proteus-​Bus zurück, der mit einer Optik ausgerüstet wurde, die der der Pléiades-​HR Erderkundungssatelliten ähnelte. Damit ergab sich eine Auflösung von etwa 0,8 m. Der CCD-​Sensor der Zeilenkamera war für fünf Spektralkanäle empfindlich, einschließlich eines IR-​Kanals. Genauere Angaben wurden angesichts der klaren militärischen Ausrichtung des Programms nicht gemacht. Der Start des Satelliten wurde im Sommer 2014 schließlich auf einer Vega Rakete von Arianespace gebucht. Diese brachte den Satelliten am 05.12.2016 von Kourou in Französisch Guyana auf einen sonnensynchronen Orbit in knapp 700 km Höhe.
7Dezember

Solarzellen-Entfaltungstest bei Resourcesat 2A

eine der ersten Aufnahmen des LISS-3 Sensors von Resourcesat 2A

Um die Kontinuität des Resourcesat Erderkundungssatelliten-​Programms zu gewährleisten, plante die ISRO schon frühzeitig den Start eines Nachfolgers von Resourcesat 2, dessen fünfjährige Betriebsdauer sich 2016 ihrem Ende näherte. Auch dieser, als Resourcesat 2A bezeichnet, basierte auf dem bewährten IRS-​1 Bus und wurde mit den Instrumenten LISS-​3, LISS-​4 und AWiFS ausgerüstet. Während der LISS-​3 (Linear Imaging Self-​Scanning) Sensor das Spektrum vom sichtbaren (VIS) über den Nah-​Infrarot Bereich (NIR) bis hin zum kurzwelligen Infrarot (SWIR) abdeckte und dabei eine Auflösung von 23,5 m bei 141 km Schwadbreite erreichte, operierte LISS-​4 nur auf drei Bändern (0,520,59 µm, 0,620,68 µm und 0,770,86 µm), erreichte dafür aber eine Auflösung von 5,8 m bei 70 km Schwadbreite. Ebenso unverändert wurde der AWiFS (Advanced Wide Field Sensor) vom Vorgänger übernommen. Dieser arbeiteten auf denselben vier Spektralbändern wie der LISS-​3 Sensor, hatte aber bei 56 m Auflösung eine Schwadbreite von gewaltigen 740 km. Zwei Solid State Datenrekorder konnten je bis zu 200 GB an Daten zwischenspeichern. Der Start des Satelliten erfolgte am 07.12.2016 von Sriharikota überraschenderweise mit einer PSLV-​XL, während der Vorgänger fünf Jahre zuvor noch mit der schwächeren PSLV (v.3) gestartet worden war. Trotz dieses Leistungsüberschusses wurden diesmal keine sekundären Nutzlasten mit ins All befördert. Zwei Tage nach dem Start hatte Resourcesat 2A seine Bahn so justiert, daß sie nahezu ko-​planar zu der von Resourcesat 1 und Resourcesat 2 verlief. Bereits am 15.12.2016 lieferte der neue Satellit die ersten Aufnahmen aller drei Sensoren.
7Dezember

Start der Delta IV mit WGS 8

Das 2001 mit einem Auftrag über drei Wideband Gapfiller Satellite begonnene WGS Programm, das nach dem Ende des DSCS-​III (Defense Satellite Communications System) Programms den Bedarf des US Militärs an Breitbandkommunikationskapazitäten decken sollte, erwies sich für Boeing Satellite Systems als unerwartet lukrativ. Denn obwohl schon einer der Block I WGS Satelliten die gleiche Übertragungsbandbreite wie die gesamte DSCS-​III Satellitenkonstellation bot, wuchs die Nachfrage noch schneller als die verfügbaren Kapazitäten. Bereits im November 2006 wurden zwei Block II Satelliten nachbestellt, gefolgt von einem weiteren Exemplar durch das australische Militär. Im September wurde der Bau von WGS 7 aus bereits vorgefertigten Baugruppen autorisiert. Und die nächsten Aufträge ließen nicht lange auf sich warten. Mit WGS 8 wurden weitere leistungssteigernde Maßnahmen eingeführt. Diese Generation der mittlerweile als Wideband Global Satcom bezeichneten Serie trug nun den Namen Block II F/​O (Follow On). Nach einem verkürzten Wet Dress Rehearsal Test am 16.11.2016 wurde die Delta IV Medium+ (5,4) Trägerrakete mit WGS 8 für den 07.12.2016 zum Start vorbereitet. Nach einem ereignislosen Countdown hob die Rakete an diesem Tag pünktlich von Cape Canaveral ab. Aus einer ersten, noch recht erdnahen, Parkbahn beschleunigte die kryogene DCSS Oberstufe der Delta IV mit ihrer Nutzlast eine halbe Stunde nach dem Start auf eine supersynchrone Transferbahn. Aus dieser manövrierte WGS 8 alias USA 272 im Laufe der nächsten Tage auf einen geostationären Orbit (dessen genaue Parameter allerdings der Geheimhaltung unterlagen).
9Dezember

Start von „Kounotori“ 6

Berthing Operationen mit HTV 6

willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan: frische japanische Äpfel

Gut sechs Wochen vor dem für den 30.09.2016 angekündigten Start des japanischen HTV 6 Frachtraumschiffs zur ISS mußte die japanische Raumfahrtorganisation JAXA eine Verschiebung auf das Jahresende bekanntgeben. Bei abschließenden Tests in Tanegashima war ein Leck im Rohrleitungssystem des „Kounotori“ Raumschiffs entdeckt worden. Die Reparaturen konnten zwar auf dem Startgelände erfolgen, waren aber doch so umfangreich und erforderten anschließend eine Rezertifizierung diverser Systeme, daß ein Start nicht vor dem 09.12.2016 denkbar war. Dieser Termin wurde dann aber exakt eingehalten. Mitte November 2016 wurde mit der Beladung von „Kounotori“ 6 begonnen. Wichtigste Fracht waren diesmal sechs Lithium-​Ionen Pufferbatterien für das Energieversorgungssystem der ISS. Sie sollten den Austausch der bisher eingesetzten Nickel-​Wasserstoff Batterien einleiten. Insgesamt achtundvierzig dieser N-​H2 Batterien (Akkus) versahen auf der Station ihren Dienst. Dank ihrer höheren Kapazität konnte eine Li-​Ion Batterie jeweils zwei N-​H2 Speicher ersetzen. Verstaut wurden die Batterien auf der extra strukturell verstärkten Exposed Pallet (EP) im Unpressurised Logistics Carrier (ULC). In der Drucksektion waren hingegen u.a. 30 Beutel mit ingesamt 600 Litern Trinkwasser verstaut, dazu eine Reihe von Ersatzteilen und Experimenten-​Zubehör. Aber auch vier Lemur-​2 Mehrzwecksatelliten und weitere zehn Satelliten in unterschiedlichen CubeSat Formaten. Der mit NASA Unterstützung gebaute TechEdSat 5 (TES 5) sollte die Experimente zur Erprobung einer exo-​brake Struktur für einen gesteuerten Wiedereintritt fortsetzen. Der japanische EGG CubeSat zielte sogar auf die Entwicklung einer Rückführoption für kleine Nutzlasten aus dem erdnahen Orbit mit Hilfe einer sogenannten „Gossamer aeroshell“. Der von Gauss Srl. entwickelte TuPOD im 3U CubeSat Format sollte Teams, die auf das TubeSat Format von Interorbital Systems gesetzt hatten, erlauben, ihre Satelliten zu starten, obwohl die von IOS angebotene „Neptune“ Trägerrakete weiter nicht zur Verfügung stand. Zwei CubeSats, der brasilianische Tancredo 1 und OSNSat von Open Space Network aus den USA fanden diesmal darin Platz. Technologischen Experimenten sollte die AOBA VELOX III Mission dienen, die die Nanyang Technological University aus Singapur und das Kyushu Institute of Technology gemeinsam verwirklichten. Die japanische Shizuoka University setzte mit STARS-​C die von der Kagawa University begonnenen Experimente zu tethered Nutzlasten im CubeSat Format fort. Eine entfaltbare 1,5 m² Membran für Deorbit Experimente trug der FREEDOM genannte CubeSat, den Nakashimada Engineering Works und Tohoku University gemeinsam entwickelt hatten. ITF 2 (Imagine The Future 2) von der University of Tsukuba sollte mehrere Systeme und Komponenten unter kosmischen Bedingungen erproben und der Kommunikation im Amateurfunk-​Spektrum dienen. Eine originelle Zweitnutzung einer entfaltbaren Membran zum Deorbiting des 1U CubeSats Waseda-​SAT 3 plante die Waseda University. Auf Kommando von der Erde sollte ein LCD-​Projektor Bilder auf die Membran projezieren, die dann von einer Kamera aufgenommen und wieder zur Erde übertragen werden würden. Sieben der Satelliten (AOBA-​VELOX III, TuPOD — einschließlich Tancredo 1 und OSNSAT, EGG, ITF 2, STARS-​C, FREEDOM und WASEDA-​SAT 3) waren bereits in den J-​SSOD (JEM Small Satellite Orbital Deployer) Startvorrichtungen #5 und #6 verstaut. Auch der mit der SpX-​9 „Dragon“ Kapsel im August 2016 zur Inspektion und Reparatur zur Erde zurückgeholte SPHERES Blue „Indoor Satellite“ kehrte nun zur ISS zurück.
Die H-​IIB Mod. 304 Rakete beförderte das HTV 6 am 09.12.2016 problemlos auf die vorgesehene Ausgangsbahn. Eine gute halbe Stunde nach dem Erreichen des Orbits wurde das SFINKS (Solar Cell Film Array Sheet for Next Generation on Kounotori Six) Experiment aktiviert, bei dem neue Dünnschicht-​Solarzellen auf dem HTV erprobt werden sollten. Nach nur 509 s brach jedoch der Datenempfang von diesem Experiment ab. Die weiteren Operationen wurden dadurch aber nicht beeinträchtigt. „Kounotori“ 6 manövrierte auf eine letzte Halteposition unterhalb der ISS und wurde dort am 13.12.2016 um 10:37 UTC mit dem Canadarm2 gegriffen. Um 14:48 UTC wurde das Berthing am CBM (Common Berthing Mechanism) am „Harmony“ Modul vollzogen. Einige Stunden später durften die Astronauten den Frachtraum (Pressurized Logistics Carrier) erstmals betreten, um u.a. vorrangig die frischen Lebensmittel zu entladen. Und am 14.12.2016 wurden auch die Orbital Replacement Units (ORUs), sprich Ersatzbatterien, aus dem ULC herausgezogen und per Manipulatorarm an eine vorläufige Stauposition verbracht. Sie wurden nach dem Jahreswechsel bei zwei Außenbordmanövern eingebaut. Die neun zur Entsorgung vorgesehenen alten Batterien wurden am 23.01.2017 mit dem PLC im HTV verstaut. Das Unberthing erfolgte dann am 26.01.2017 um 10:59 UTC, bevor das SSRMS (Space Station Remote Manipulator System) am 27.01.2017 um 15:45 UTC das Raumschiff freigab. Vor dem gezielten Wiedereintritt in die Atmosphäre war nun noch ein letztes größeres Experiment geplant. Unter dem Titel KITE (Kounotori Integrated Tether Experiment) sollte ein Electrodynamic Tether (EDT) getestet werden. Dazu wollte die JAXA eine 20 kg schwere Endmasse an einer 700 m langen elektrisch leitenden Trosse ausrollen. Erwartet wurde ein Stromfluß von bis zu 10 mA. Langfristig, so hofften Wissenschaftler seit Jahren, könnten solche Systeme eine Option zur Entsorgung ausgedienter Satelliten darstellen. Doch zunächst mußten weitere Informationen u.a. zum dynamischen Verhalten gesammelt werden. Entsprechend sollte nun die eigentlich für die Rendezvousoperationen mitgeführte Sensorik von „Kounotori“ genutzt werden. Trotz mehrerer Versuche ließ sich die Trosse mit der Endmasse aber offenbar nicht ausrollen. Das Experiment mußte als gescheitert aufgegeben werden. Nach einer Serie von Bahnmanövern steuerte das HTV am 05.02.2017 schließlich in die unteren Atmosphärenschichten und verglühte gegen 15:06 UTC über dem Pazifik.
10Dezember

Start von Feng Yun 4A

Das erste Exemplar einer neuen Generation geostationärer meteorologischer Satelliten startete China am 10.12.2016 mit einer CZ-​3B/​G2 vom Raumfahrtgelände Xichang. Die 3-​Achsen-​stabilisierten Satelliten der Feng Yun 4 Serie waren mit fünf Instrumenten ausgerüstet, dem GIIRS (Geostationary Interferometric Infrared Sounder), dem LMI (Lightning Mapping Imager), dem AGRI (Advanced Geostationary Radiation Imager), dem SEMIP (Space Environment Monitoring Instrument Package) und einer DCS (Data Collection Service) Anlage. Internationalen Vorbildern folgend, konnten somit nicht nur unmittelbar meteorologische Informationen gesammelt und weitergeleitet werden, auch das „Weltraumwetter“ und solar-​terrestrische Wechselwirkungen wurden im Auge behalten. Die Instrumentierung bedeutete einen deutlichen Fortschritt gegenüber der der FY-​2 Generation. So stieg beispielsweise die Anzahl der Kanäle beim GIIRS auf 14 gegenüber 5 beim Vorgänger VISSR. Auch die Auflösung konnte verbessert werden. Und die Bildfolge verdoppelte sich. Allerdings entsprach der erste Feng Yun 4 Satellit in seiner Ausrüstung noch nicht dem geplanten Serienstandard. So erreichten noch nicht alle Sensoren die vorgegebenen Kennwerte und das Solar X-​EUV Imaging Telescope blieb diesmal am Boden. Erwartet wurde zudem eine Lebensdauer von lediglich fünf Jahren, zwei weniger als beim Serienmodell. Doch lag man ohnehin mindestens zwei Jahre hinter dem geplanten Starttermin zurück. Aus einem geostationären Transferorbit manövrierte FY-​4A auf eine geostationäre Bahn und wurde über 99,5° Ost stationiert.
15Dezember

ste L-1011 „Stargazer“ vor dem Abwurf der Pegasus-XL mit den CYGNSS Satelliten

die acht CYGNSS Satelliten mit ihrem Dispenser

Dreieinhalb Jahre nach dem bis dahin letzten Einsatz einer Pegasus-​XL erlebte dieser einzige bisher zur Serienreife gelangte flugzeuggestützte Satellitenträger am 15.12.2016 wieder einen Start. Die Entscheidung des CYGNSS Teams der NASA zugunsten der Pegasus war im März 2014 gefallen. Das Cyclone Global Navigation Satellite System war im Rahmen des Earth System Science Pathfinder (ESSP) Programms konzipiert worden. Speziell die Missionen der Earth Venture (EV) Klasse sollten Wissenschaftlern mit geringem zeitlichen Vorlauf die Gelegenheit geben, im Rahmen von kostengünstig zu realisierenden Missionen innovative Instrumente zu einzusetzen. CYGNSS wurde als erste orbitale Earth Venture Mission realisiert. Unter diesem Projektnamen wurden insgesamt acht kompakte Satelliten realisiert, die mit GPS Empfängern zur Sondierung der Atmosphäre ausgestattet wurden. Ziel war es, aus dem Reflektions– und Streuverhalten der GPS-​Signale über dem Meer Daten zur Windgeschwindigkeit und zum Wellengang abzuleiten. Als Referenz diente dabei das von den GPS Satelliten direkt empfangene Signal. Vor allem die Entwicklung tropischer Wirbelstürme sollte mit dem Schwarm von CYGNSS Satelliten besser verfolgt werden. Daher wurde auch eine Bahn mit einer Inklination von lediglich 35° gewählt. Im Mittel alle sieben Stunden wurde eine jede Region für die nächste Messung überflogen. Der Start der dem L-​1011 „Stargazer“ Trägerflugzeug untergehängten Rakete sollte am 12.12.2016 erfolgen. Nachdem sich der an diesem Tag herrschende dichte Nebel aufgelöst hatte, startete die Maschine schließlich auch vom Cape Canaveral AFS Skid Strip und nahm Kurs auf die Abwurfzone vor der Küste Floridas. Zunächst mußte der Abwurf wegen einer nahen Gewitterzelle aber aufgeschoben werden. Daß die Maschine unverrichteterdinge zurückkehren mußte, lag aber an einem Hydraulikproblem im Ausklinkmechanismus. Nachdem Ersatz eingeflogen und die Baugruppe getauscht war, plante man eigentlich einen Start am 14.12.2016. Doch dann wurde im letzten Augenblick auch noch entschieden, einen Patch für die Steuerungssoftware des Achtfach-​Satellitendispensers aufzuspielen. Die Arbeiten verliefen so reibungslos, daß der Start bereits für den 15.12.2016 neu angesetzt werden konnte. Diesmal gab es keinerlei Probleme und alle acht Satelliten konnten präzise auf den vorgesehenen Bahnen ausgesetzt werden. Da die einfach gehaltenen Satelliten über keine Triebwerke verfügten, war die präzise Bahneinschuß entscheidend für den Missionserfolg. Die Feinabstimmung der Bahnen erfolgte dann per Aerobraking unter Einsatz der Solarzellenflächen, wobei Reaktionsräder die Satelliten entsprechend ausrichteten.
18Dezember

die startbereite Atlas V mit EchoStar XIX

Einen ihrer seltenen kommerziellen Einsätze erlebte die Atlas V am 18.12.2016. Der von der Hughes Network Systems LLC., mittlerweile eine 100%ige Tochter der EchoStar Corporation, bei Space Systems/​Loral bestellte EchoStar XIX alias Jupiter 2 Kommunikationssatellit bildete die Nutzlast der Atlas V Mod. 431. Gegenüber dem bereits 2012 gestarteten, ebenfalls auf der SSL-​1300 Plattform aufbauenden, EchoStar XVII /​Jupiter 1 waren beim zweiten Exemplar eine Reihe von Verbesserungen vorgenommen worden. Sie sollten eine Kapazitätssteigerung von 50% garantieren. Hughes Network Systems wollte mit den beiden Jupiter Satelliten seine Führungsrolle bei den satellitengestützten multi-​Spotbeam Ka-​Band Internetangeboten für Nordamerika untermauern. Vor allem entlang der US Ost– und Westküste und in einigen Gebieten im Landesinneren bot das Unternehmen bis zu 15 Mbps Down– und 2 Mbps Uploadgeschwindigkeit. Der eigentlich für den 16.12.2016 geplante Start verzögerte sich im Rahmen der Startvorbereitungen um zwei Tage. Nachdem kleinere technische Probleme überwunden, bzw. als unkritisch erkannt worden waren, hob die Rakete am 18.12.2016 dann mit einiger Verspätung von Cape Canaveral ab. Eine gute halbe Stunde nach dem Start setzte die Centaur-​Oberstufe ihre Nutzlast auf einem supersynchronen Transferorbit ab. Bald darauf begann der mit russischen SPT-​100 Plasmatriebwerken ausgestattete Satellit mit ersten Bahnmanövern in Richtung eines geostationären Orbits. Ziel war eine Position über 97,1° West, auf der die Tests vor der Indienststellung über 109° West abgeschlossen werden sollten.
19Dezember

STARS-C Aussetzmanöver

Als erster der mit dem HTV 6 angelieferten Satelliten wurde am 19.12.2016 STARS-​C alias „Hagoromo“ ausgesetzt. Dazu wurde die Multi-​Purpose Experiment Platform (MPEP) aus der Luftschleuse des japanischen „Kibō“ Moduls ausgeschleust. Darauf montiert war der J-​SSOD #5 (JEM Small Satellite Orbital Deployer), der schon am Boden mit dem STARS (Space Tethered Autonomous Robotic Satellite) Experiment der Shizuoka University bestückt worden war. In Position gebracht, katapultiert die Vorrichtung die beiden noch miteinander verriegelten 1U CubeSats „Oyaki“ und „Koki“ heraus. Wenig später konnten erste Telemetriedaten am Boden empfangen werden, die bestätigten, daß sich der Doppelsatellit in gutem Zustand befand. Allerdings hatte die Bodenstation der Universität Probleme bei der Kommunikation mit dem Satelliten, weswegen man auch bereits Pläne für den Aufbau einer leistungsfähigeren Anlage auf dem Kampus hatte. Deren Fertigstellung würde aber noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Daher entschied man, die geplanten Experimente der per Trosse miteinander verbundenen Teilsatelliten von Januar auf April 2017 (oder später) zu verschieben.
20Dezember

Computergrafik des „Arase“ Satelliten

Mehr als drei Jahre waren seit dem Start des Prototypen der japanischen Epsilon-​EX Feststoff-​Trägerrakete vergangen, bis am 20.12.2016 das leistungsgesteigerte Enhanced-​Epsilon Serienmodell Epsilon-​2 von Kagoshima abhob. Die Nutzlast der dreistufigen Rakete bestand aus dem (nach dem am Uchinoura Space Center vorbeiführenden Fluß) „Arase“ getauften Forschungssatelliten, der in der Projektphase noch als ERG (Energization and Radiation in Geospace) bezeichnet worden war. Ausgerüstet war der Satellit mit einer Suite an Instrumenten zur Erforschung der irdischen Strahlungsgürtel. Eigentlich war geplant gewesen, die Forschungen zum Maximum des 24. Sonnenfleckenzyklus aufzunehmen und während des Abklingens der solaren Aktivität fortzuführen. Doch das Epsilon Programm hatte einige Verzögerungen erfahren. Aber auch der laufende 11-​jährige Sonnenfleckenzyklus verlief sehr atypisch. Das schwache Maximum im Februar 2014 war kaum auszumachen. Doch auch so gab es ausreichend interessante Aspekte der solar-​terrestrischen Wechselwirkungen, die der Satellit erforschen konnte. Die vier Elektronen– und zwei Ionensensoren deckten überlappende Energiebereiche ab, so daß ein großes Spektrum nahtlos überwacht werden konnte. Dazu kamen Instrumente für Plasma– und Magnetfeldmessungen. Problemlos erreichte „Arase“ die geplante hochelliptische Umlaufbahn zwischen etwa 225 und 32.130 km Höhe. In der Critical Operations Phase wurde das Perigäum allerdings noch um etwa 200 km angehoben. Der Beginn der Wissenschaftsphase war zwei Monate später geplant.
21Dezember

Start von TanSat

Eine seiner seltenen rein wissenschaftlichen Raumfahrtmissionen startete China am 21.12.2016 unter dem Namen TanSat oder auch CarbonSat vom Raumfahrtgelände Jiuquan. Der Name war Programm, denn die von der chinesischen Akademie der Wissenschaften entworfene Mission diente der Erforschung der CO2 Konzentration in der Atmosphäre. Zwar handelte es sich weltweit gesehen nicht um die erste oder eine besonders innovative Mission mit dieser Zielsetzung. Dennoch wurde sie von Forschern im In– und Ausland als willkommener Beitrag zur Erforschung des Klimawandels hoch geschätzt und war zudem außerordentlich auf dieses eine Treibhausgas fokussiert. Zwei Instrumente flogen auf dem Satelliten. CarbonSpec alias CDS (Carbon Dioxide Spectrometer), ein hochauflösendes Spektrometer, das auf den beiden Kohlendioxid– (1,61 µm und 2,06 µm) und Sauerstoff-​Absorptionslinien (0,76 µm) arbeitete, wurde von der hochauflösenden Multispektralkamera CAPI (Cloud and Aerosol Polarimetry Imager) ergänzt.
Die Nutzlastkapazität der gestreckten CZ-​2D Rakete auf den sonnensynchronen 700 km Orbit ließ die Mitnahme von weiteren sekundären Nutzlasten zu. Dabei handelte es sich um zwei am Shanghai Small Satellite Center der Akademie der Wissenschaften entworfene und gebaute Mikrosatelliten. Spark 01 und Spark 02 verfügten über einen Weitbereichs-​Hyperspektral-​Imager. Dessen 148 Kanäle von 5 nm Breite deckten das Spektrum zwischen 420 nm (VIS) bis 1.000 nm (NIR) ab und erreichten eine durchschnittliche Auflösung von 50 m bei 102 km Schwadbreite. Im Paarbetrieb sollte die doppelte Schwadbreite erzielt werden. Keine weiteren Details verlauteten zu einem dritten Mikrosatelliten. Lediglich seine englische Bezeichnung, High Resolution Microsat, gab einen vagen Hinweis auf seine Mission. Vereinzelt wurde der chinesische Name Yijian gebraucht.
21Dezember

künstlerische Darstellung von Star One D1

künstlerische Darstellung von JCSat 15

Zum Jahresabschluß flog Arianespace noch, wie zu Jahresbeginn angekündigt, seine sechste Ariane-​5ECA Mission von Kourou. Transportiert wurden dabei die beiden Kommunikationssatelliten Star One D1 und JCSat 15. Star One, Tochter des brasilianischen Telekommunikationsunternehmens Embratel, hatte Star One D1 im Juli 2013 bei Space Systems/​Loral in Auftrag gegeben. Geplant war, seine 28 C-​Band, 24 Ku-​Band und 18 Ka-​Band Transponder während der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016 einsatzbereit zu haben. Doch ließ sich das nicht realisieren. Immerhin war zwischenzeitlich ein Start erst für das Jahr 2017 erwartet worden. Stationiert über 84° West sollte der Satellit aber auch so die Brasilsat-​B4 C-​Band Kapazitäten erweitern, zusätzliche Ku-​Band Angebote nach Lateinamerika ausstrahlen und Ka-​Band Übertragungen nach Brasilien anbieten.
Obwohl auch auf der SSL-​1300 Plattform basierend, war der zweite bei der VA234 Mission mitgeführte Satellit deutlich kleiner und wog rund 3 Tonnen weniger. Die japanische JSAT Corporation hatte ihn im April 2014 als JCSat 15 bei Space Systems/​Loral bestellt. Es handelte sich bei ihm um einen reinen Ku-​Band Satelliten, der auf der Stammposition der Satellitenflotte des Unternehmens über 110° Ost zum Einsatz kommen sollte. Nach dem erfolgreichen Start erfolgte daher die Indienststellung unter der neuen Bezeichnung JCSat 110A. Der Satellit löste den bereits drei Jahre jenseits seiner Auslegungsbetriebsdauer operierenden N-​SAT 110 alias Superbird 5 ab. Primär versorgte er Japan mit Pay-​TV Angeboten einschließlich Ultra-​HD und 4K Programmen. Daneben wurden aber auch der Indische Ozean und Ozeanien mit Angeboten für die Datenkommunikation, die Luft– und Seefahrt versorgt. Die Tests vor der Abnahme des Satelliten durch den Kunden fanden über 136° Ost statt.
28Dezember

Vorbereitung der beiden ersten GaoJing-1 Satelliten auf den Start

SuperView 1 Aufnahme - der Bildausschnitt zeigt das Tibet-Ausstellungszentrum in Lhasa

In mehrfacher Hinsicht ein Novum war der Start einer CZ-​2D Rakete am 28.12.2016 vom Raumfahrtgelände Taiyuan. So war dieser Raketentyp bisher noch nie von dem speziell für Missionen auf polare und sonnensynchrone Bahnen errichteten Areal gestartet worden. Sonst flogen von Taiyuan exklusiv die leistungsstärkeren Raketen der CZ-​4 Familie und vereinzelt CZ-​2C. Die zunehmende Standardisierung und die Tatsache, daß die CZ-​2D mittlerweile dieselbe Erststufe einsetzte wie die CZ-​4, hatten diesen Schritt möglich gemacht. Doch auch mit den Hauptnutzlasten der Rakete beschritt China neue Wege. Denn die beiden GaoJing (engl. SuperView) Satelliten gehörten dem Privatunternehmen Beijing Space View Tech Co Ltd. Dieses plante 2016/17 den Aufbau einer Konstellation von zunächst vier Satelliten auf einem gemeinsamen Orbit mit 90° Versatz untereinander. Sie sollten panchromatische Aufnahmen mit 0,5 m und multispektrale Aufnahmen mit 2 m Auflösung liefern, womit die Satelliten zu den weltweit leistungsfähigsten zivilen Erderkundungssatelliten zählten. Bei einer Schwadbreite von 12 km waren die Satelliten in der Lage, mono– und stereoskopische Einzelaufnahmen, Bildstreifen u.a.m. zu liefern, für die das Unternehmen auf dem Weltmarkt auf entsprechendes Interesse hoffte. Doch der Start der für diese Mission erstmals mit einer extra langen Nutzlastverkleidung versehenen Rakete endete beinahe in einem Desaster. Schon beim Aufstieg brannten sowohl Erst– als auch Zweitstufe spürbar länger, offenbar um Defizite zu kompensieren. Dennoch endeten die Nutzlasten statt auf einem sonnensynchronen Orbit im 500 km Höhenbereich auf Bahnen, deren Perigäum rund 300 km zu niedrig lag. Glücklicherweise verfügten GaoJing 101 und GaoJing 102 über ausreichende Treibstoffvorräte und ein leistungsfähiges Triebwerk, so daß sie innerhalb weniger Tage doch noch auf ihren Zielorbit manövriert werden konnten. Allerdings zulasten ihrer mit fünf bis acht Jahren angegebenen Lebensdauer. Doch die ersten Aufnahmen der Satelliten, zwei Wochen nach dem Start veröffentlicht, zeigten das Potenzial des optischen Systems eindrucksvoll und dürften den Vermarktungsbemühungen Auftrieb verliehen haben. Weniger Glück als die beiden GaoJing Satelliten hatte der kleine Amateurfunksatellit BY70-​1, der am Nutzlastadapter als sekundäre Nutzlast seine Mitfluggelegenheit gefunden hatte. Schüler der Beijing Bayi High School, einer Eliteschule mit starker Anbindung an das Militär, hatten den Satelliten mit Unterstützung der CAST (China Academy of Space Technology) realisiert. Der 2U CubeSat verfügte über ein System zur 3-​Achsen-​Stabilisierung und entfaltbare Solarzellenflächen. An Bord befand sich ein FM-​Repeater für den Amateurfunkbetrieb und eine Kamera, deren Bilder von einer Telemetriebake übermittelt wurden. Ausgelegt war der Satellit für eine 180-​tägige Mission, die sich nun aber aufgrund der zu niedrigen Bahn spürbar verkürzte.