Chronik
Olafs Raumfahrtkalender

Olafs Raumfahrtkalender

Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-06-23T22:23:13+02:00

Februar 2016.

1Februar

Start der CZ-3C mit Beidou 21

Vom Raumfahrtzentrum Xichang startete am 01.02.2016 eine CZ-​3C mit YZ1 Bugsierstufe. An Bord ein weiterer Satellit für das Beidou Navigationssatellitensystem. Nach einer Serie von Manövern wurde der Satellit auf einem „intermediate“ Orbit in etwa 21.500 km Höhe ausgesetzt. China plante hier eine Konstellation aus 27 Navigationssatelliten aufzubauen, zusätzlich zu den Satelliten auf „klassischen“ und inklinierten geostationären Bahnen. Der nun gestartete Beidou Phase-​III Satellit (BD-​3M) basierte auf einem anderen Modell, als seine beiden 2015 gestarteten Vorgänger. Im Gegensatz zu diesen (informell Typ-​I genannt), die von der CAST (China Academy of Space Technology) stammten und auf den dortigen Erfahrungen mit dem DFH-​3 Bus aufbauten, stellte der Typ-​II eine Neuentwicklung des Micro-​Satellite Engineering Center der CAS (Chinese Academy of Sciences) dar. Beide Typen waren gegenüber der vorigen Generation deutlich verbessert worden und verfügten nun z.B. über weitreichende Fähigkeiten zum Satellit-​zu-​Satellit Datenaustausch, was der Störfestigkeit des gesamten Systems zugute kommen sollte. Als hochpräzise Zeitquelle kam bei Beidou-​3 M3-​S erstmals eine Wasserstoff-​Maser-​Uhr zum Einsatz. Die bisher eingesetzte Rubidium-​Uhr war — in verbesserter Form — als Backup weiter an Bord. Angesichts der Fülle der Neuerungen wurde BD-​3 M3-​S als Testsatellit (chin. Shiyan) klassifiziert.
5Februar

Atlas V Mod. 401 (AV-​057) auf SLC41

Das letzte von zwölf gebauten Exemplaren der GPS-​IIF Generation der Navstar Navigationssatelliten startete am 05.02.2016 mit einer Atlas V Mod. 401 von Cape Canaveral ins All. Boeing hatte 1996 noch einen Großauftrag über dreiunddreißig dieser Satelliten erhalten. Doch schon 2001 hatte die USAF die Bestellung auf zwölf Stück zurückgefahren. Gründe waren einerseits die erfreulich lange Lebensdauer der Vorgängermodelle, andererseits finanzielle Zwänge und die Pläne für eine deutlich verbesserte GPS-​III Nachfolgekonstellation. So wurden die letzten drei GPS-​IIF sogar erst im Sommer 2006 fest bestellt. Knapp sechs Jahre nach dem Start des ersten GPS-​IIF erreichte nun GPS 2F-​12 (Navstar 76, USA 266) seinen Orbit.
7Februar

Start einer Sojus-2.1b mit GLONASS-​M 751

Uragan-M Satellit beim Hersteller NPO PM

Nach China (am 01.02.2016) und den USA (am 05.02.2016) startete auch Rußland am 07.02.2016 mit einer Sojus-2.1b 14A14 mit Fregat-​M 14S44 Beschleunigungsstufe vom Kosmodrom Plesetsk einen Navigationssatelliten. Der Start war bereits seit geraumer Zeit erwartet, aber bis zuletzt immer wieder aufgeschoben worden, obwohl die Dringlichkeit seit Monaten offenkundig war. Glonass-​M 751 war Anfang 2015 noch für einen Routinestart im zweiten Quartal des Jahres vorgesehen gewesen, nach einem anderen GLONASS Dreifachstart mit einer Proton-​Rakete. Angesichts des zu dieser Zeit stabilen Betriebs der Konstellation und der Verfügbarkeit mehrerer Reservesatelliten im Orbit wurde der Dreifachstart jedoch auf unbestimmte Zeit und der Einzelstart auf den September 2015 verschoben. Doch dann nahmen die Ereignisse eine dramatische Wendung. Am 13.04.2015 fiel mit dem erst dreieinhalb Jahre alten Kosmos 2478 (Glonass-​M 746) überraschend ein GLONASS Satellit aus. Der als kurzfristiger Ersatz vorgesehene Kosmos 2419 (Glonass 798) hingegen operierte bereits deutlich jenseits seiner Auslegungsbetriebsdauer und war, bekanntermaßen, nur noch eingeschränkt nutzbar. Im Oktober 2015 mußte Kosmos 2419 schließlich aufgegeben werden, woraufhin mit der Entkonservierung und Startvorbereitung von Glonass-​M 751 begonnen wurde. Doch der für Ende Dezember 2015 geplante Start von Plesetsk kam nicht zustande, weil die Umrüstung des Sojus-​Startkomplexes nach dem Start einer Sojus-2.1w 14A15 am 05.12.2015 mehr Zeit als erwartet in Anspruch nahm. Doch auch im Januar 2016 gab es weitere Verzögerungen, so daß der Starttermin auf den 07.02.2016 rutschte. Mittlerweile hatte sich der Status der GLONASS Konstellation nochmals dramatisch verschlechtert. Roskosmos mußte am 18.01.2016 bekanntgeben, daß von den offiziell 27 Satelliten der Konstellation aktuell nur noch 23 einsatzbereit waren. Zwei weitere befanden sich in der Erprobung und zwei Exemplare im Status der „Untersuchung durch den Chefkonstrukteur“, was eine Umschreibung für den Umstand war, daß man mit Hilfe von Experten bei ISS Reschetnjow verzweifelt versuchte, diese Satelliten noch zu retten. Glonass-​M 738 (Kosmos 2466) fiel am 14.02.2016 abrupt aus, eventuell nach einer Explosion des Akkumulators. Da die Glonass-​M Satelliten auf der Grundlage eines hermetisch versiegelten Gerätecontainers konstruiert waren, hatte ein solches Ereignis bei ihnen unweigerlich katastrophale Auswirkungen. Nahezu zeitgleich hatte auch Glonass-​M 737 (Kosmos 2465) versagt. Auch hier berichteten russische Medien von Batterieproblemen. Glonass-​M 736 (Kosmos 2464) litt hingegen schon länger unter Lageregelungsproblemen, wurde nun aber dennoch auf eine neue Position verschoben. Glonass-​M 715 und 716 lieferten unterdessen eine so schlechte Qualität des Navigationssignals, daß sie dringend aus der Konstellation hätten entfernt werden sollen. Bei Glonass-​M 714 ging man am 24.02.2016 diesen Schritt. Er wurde vier Tage später endlich durch Kosmos 2514 (Glonass-​M 751) abgelöst. Die angespannte Situation des GLONASS hatte sich dadurch aber nur unmerklich gebessert.
7Februar

Start der Unha 3 mit Kwangmyŏngsŏng 4

Nordkorea provozierte am 07.02.2016 die Weltgemeinschaft erneut mit dem Start einer zum Satellitenträger umgerüsteten Interkontinentalrakete. Nur einen Monat zuvor hatte das international isolierte Land einen Atomwaffentest unternommen, was ein Verstoß gegen Abkommen bzw. Auflagen war. Während im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen noch Gespräche über eine Verschärfung der Sanktionen gegen Nordkorea liefen, startete das Militär des Landes nun also eine Unha-​3 Interkontinentalrakete. Aufklärungs– und Erderkundungssatelliten hatten bereits seit einigen Wochen die Aktivitäten auf der Raketenbasis Sohae verfolgt, so daß der Start nicht unerwartet kam. Vor dem Hintergrund des jüngsten Atomwaffentests und der nordkoreanischen Behauptung, nun über miniaturisierte Atomsprengköpfe für seine Raketen zu verfügen, sorgten die Testvorbereitungen aber natürlich schon vor dem Start für heftige Proteste der Nachbarstaaten und der USA. Selbst China warnte vor einer unnötigen Zuspitzung der Situation. Als die Rakete schließlich abhob, Nordkorea hatte ordnungsgemäß Flugverbotszonen für den Startzeitraum ausgewiesen, befand sich das Militär in Südkorea und Japan, einschließlich der dort stationierten US Truppen in Alarmbereitschaft. Insbesondere Japan drohte mit dem Abschuß der Rakete. Doch Nordkorea hatte tatsächlich einen Satelliten gestartet. Dessen offizielle Zweckbestimmung wurde mit Erderkundungsaufgaben angegeben. Tatsächlich bewegte sich Kwangmyŏngsŏng 4 auf einer dafür gut geeigneten sonnensynchronen Bahn in etwa 500 km Höhe. Diese entsprach zwar nicht ganz den Kriterien für einen echten sonnensynchronen Orbit und ebensowenig den von der nordkoreanischen Presseagentur KCNA gemeldeten Werten, doch war man nahe daran. Anfangs schien der Satellit jedoch heftig zu taumeln, was Amateurbeobachtungen bestätigten. Auch konnten im Ausland keine Signale empfangen werden. Doch dann stabilisierte sich der Satellit offenbar, russische Medien berichteten sogar davon, daß Kwangmyŏngsŏng 4 seinen Betrieb aufgenommen habe. Da aber weiterhin keine Signale aufgefangen werden konnten (auch nicht von den angeblich abgestrahlten patriotischen Liedern) und Nordkorea auch keine Erdaufnahmen publizierte, sprach einiges für weiter anhaltende Probleme mit dem Satelliten. Auch wenn der „Oberste Führer“ Nordkoreas, Kim Jong-​un, demonstrativ Militärs und Ingenieure auszeichnete, die an dem jüngsten großartigen Erfolg des Landes beteiligt gewesen waren.
10Februar

Start der ersten Delta IV Medium+ (5,2) mit der NROL-45 Nutzlast

Die Ankündigung zum Start der NROL 45 Mission enthielt, typisch für Unternehmungen des National Reconnaissance Office, wenig Hinweise auf die Nutzlast und ihre Zielsetzung. Bereits Anfang November 2014 war die MV „Delta Mariner“ mit der für die Mission vorgesehenen Delta IV Medium+ (5,2) Trägerrakete, dem ersten Exemplar mit dem verbesserten RS-​68A Erststufentriebwerk, im Hafen der Vandenberg AFB eingetroffen. Der damals noch für die erste Jahreshälfte 2015 geplante Start erfuhr aber schon bald auf Betreiben des NRO einen Aufschub bis in das folgende Jahr. Mit der Bekanntgabe des Startzeitpunkts verdichteten sich die Hinweise, daß sich unter der NROL 45 Nutzlast ein Radaraufklärungssatellit des FIA-​R Programms (Future Imagery Architecture — Radar) verbarg. Nur wenige Details zu diesem Geheimprogramm waren bis dahin an die Öffentlichkeit gedrungen. Offenbar hatte der Boeing Konzern 1999 sowohl den Auftrag zum Bau eines neuen optischen Aufklärungssatelliten als Nachfolger der KH-​11 CRYSTAL Serie als auch eines neuen Radaraufklärers in der Tradition des LACROSSE/​ONYX Modells erhalten. Nach endlosen Verzögerungen und massiven Kostenüberschreitungen wurde der FIA-​O Kontrakt jedoch im September 2005 aufgelöst. Auch die FIA-​R Entwicklung (Codename TOPAZ) war wohl problembehaftet, doch im September 2010 startete mit NROL 41 der erste Satellit, den Beobachter diesem Typ zuordneten. Nun also erreichte mit dem auch als USA 267 bezeichneten Satelliten das vierte Exemplar der Serie seine (retrograde) Kreisbahn in knapp 1.100 km Höhe.
16Februar

Start der Rockot-KM mit Sentinel 3A

Computergrafik von Sentinel 3A im Orbit

Im April 2008 erteilte die ESA dem Thales Alenia Space Konzern den Auftrag zur Lieferung eines Sentinel 3 Erderkundungssatelliten, dem Ende 2009 weitere über ein zweites und Anfang 2016 über ein drittes und viertes Exemplar folgten. Die Satelliten sollten bis weit in die 2020er Jahre hinein hochwertige ozeanographische Daten liefern. Sie bildeten damit einen Bestandteil des Copernicus-​Programms der Europäischen Union, das zur Jahrtausendwende unter dem Namen Global Monitoring for Environment and Security (GMES) von EU, ESA und weiteren nationalen Raumfahrtorganisationen initiiert worden war. Die Ausrüstung von Sentinel 3A umfaßte u.a. das Ocean and Land Color Instrument (OLCI), das auf dem Medium Resolution Imaging Spectrometer (MERIS) des 2002 gestarteten Envisat basierte. Auch das Sea and Land Surface Temperature Radiometer (SLSTR) ging auf ein schon auf Envisat geflogenes Instrument zurück, das Advanced Along Track Scanning Radiometer (AATSR). Das SAR Radar Altimeter (SRAL) hingegen war vom Cryosat Synthetic Aperture Interferometric Radar Altimeter (SIRAL) abgeleitet. Mit dem Microwave Radiometer sollten Daten zur Topgraphie der Ozeane gewonnen werden, die direkt mit den Meßwerten des auf Envisat geflogenen MWR vergleichbar waren. Unterstützend waren das bewährte Doppler Orbitography and Radiopositioning Integrated by Satellite (DORIS) Instrument, ein Laserreflektor und ein GNSS Empfänger an Bord, alle zur Gewinnung präziser Bahndaten. Nach einigen Verzögerungen war der Start von Sentinel 3A schließlich für Ende Dezember 2015 mit einer Rockot-​KM vom nordrussischen Kosmodrom Plesetsk geplant. Doch schon beim Lufttransport von Cannes nach Archangelsk kam es zu einer Verspätung von fast zwei Wochen. Dazu kam der übliche dicht gepackte Startkalender der russischen Raumfahrt zum Ende eines jeden Jahres. Und so war bald klar, daß der Start frühestens Ende Januar 2016, nach Ende der Feierlichkeiten zum orthodoxen Weihnachstfest und zum Jahreswechsel erfolgen konnte. Tatsächlich verzögerte sich der Start noch bis zum 16.02.2016. Die Bodenstation im schwedischen Kiruna empfing 92 Minuten später die ersten Signale des Satelliten, die bestätigten, daß dieser den vorgesehenen Orbit erreicht hatte. Bereits zwei Tage später war die Erstinbetriebnahmephase von Sentinel 3A abgeschlossen. Bis zur Aufnahme des wissenschaftlichen Regelbetriebs war aber noch eine gewissenhafte Kalibrierung der Sensoren erforderlich, wofür etwa fünf Monate veranschlagt waren. Im Frühjahr 2017 wurde bekannt, daß seit dem 16.03.2017 keine verläßlichen Daten des Altimeters von Sentinel 3A mehr empfangbar waren. Schon knapp zwei Tage später konnte aber der Regelbetrieb wieder aufgenommen werden.
17Februar

die H-IIA F30 mit ASTRO-H

ASTRO-H in Tsukuba

„Horyu“ IV montiert auf dem Nutzlastadapter

ChubuSat 2 montiert auf dem Nutzlastadapter

ChubuSat 3 montiert auf dem Nutzlastadapter

Mit Spannung erwartete die internationale Gemeinde der Röntgenstrahlen-​Astronomen den Start des japanischen Weltraumteleskops ASTRO-​H. Das früher eigenständige ISAS (Institute of Space and Astronautical Science), nun Teil der 2003 neu formierten japanischen Raumfahrtorganisation JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency), blickte auf eine jahrzehntelange Tradition überwiegend erfolgreicher astronomischer Forschungsmissionen zurück. Zuletzt hatte man mit den in den Jahren 2000 und 2005 gestarteten Röntgenteleskopen ASTRO-​E und ASTRO-​E2 aber Pech gehabt. Der erste Satellit ging bei einem Fehlstart verloren, der zweite verlor kurz nach seinem Start den Heliumvorrat zur Kühlung des XRS-​2 Spektrometers. Auch wenn damit sein Hauptinstrument nicht die erwartete Empfindlichkeit erreichte, lieferte der Satellit doch bis zum Sommer 2015 wertvolle Daten. Vollkommen neue Bereiche sollte nun das New X-​ray Telescope (NeXT) erschließen. Erstmals wollte man mit einem bildgebenden Spektrometer den Bereich der harten Röntgenstrahlung jenseits der 10 keV erforschen. Aber auch im Energiespektrum darunter erwarteten die beteiligten japanischen, kanadischen, europäischen und US-​Wissenschaftler eine neue Qualität der Daten. Die Instrumentierung des Satelliten bestand aus dem Hard X-​ray Telescope (HXT), dem Soft X-​ray Telescope (SXT-​S, SXT-​I), dem Hard X-​ray Imager (HXI), dem von der NASA beigesteuerten Soft X-​ray Spectrometer (SXS), dem Soft X-​ray Imager (SXI) und dem Soft Gamma-​ray Detector (SGD). Mit einer Masse von rund 2,7 Tonnen ließ sich ASTRO-​H im Gegensatz zu seinen Vorgängern nur noch mit einer H-​IIA Rakete starten. Der ursprünglich noch für Ende 2015 geplante Start des Röntgenteleskops verschob sich auf Februar 2016. Am vorgesehenen Termin 12.02.2016 und an den folgenden Tagen herrschten aber Wetterbedingungen, die einen Start unmöglich machten. Erst am 17.02.2016 hatte sich die Situation ausreichend gebessert. Problemlos beförderte die H-​IIA Mod. 202 ihre Fracht auf eine Bahn in 575 km Höhe. In den folgenden Minuten wurden dann auch noch drei mitgeführte japanische Microsatelliten ausgesetzt. Der inzwischen „Hitomi“ getaufte ASTRO-​H Satellit durchlief auch die kritischen ersten Manöver ohne Probleme. Inbesondere das reibungslose Ausfahren des Extendable Optical Bench (EOB) Auslegers sorgte bei Ingenieuren und Wissenschaftlern gleichermaßen für Erleichterung. Auch das Kryosystem erreichte die projektierten Werte und hatte den Detektor bis zum 22.02.2016 auf die geforderten –273,1 °C herabgekühlt. Doch am 26.02.2016 nahm die Entwicklung eine überraschende Wende. An diesem Tag sollten die wissenschaftlichen Beobachtungen aufgenommen werden. Um den Zeitpunkt herum, zu dem die Operationen beginnen sollten, geriet „Hitomi“ in eine heftige Taumelbewegung und der Funkkontakt brach ab. Außerdem registrierte das US Joint Space Operations Center (JSpOC) eine abrupte Bahnänderung und mehrere Trümmer in der Nähe des Satelliten. Obwohl danach noch mehrfach Fragmente von Telemetriedaten empfangen werden konnten, bestand unter diesen Umständen nur wenig Hoffnung auf eine Rettung der Mission. Und das sollte sich auch bestätigen. Die Analyse der JAXA zum Verlust von „Hitomi“ ergab das folgende Szenario. Am 25.03.2016 um 18:22 UTC hatte der Satellit eine Neuausrichtung in der Bahn zur Beobachtung des Quasars Markarian 205 abgeschlossen, als unmittelbar darauf die Trägheits-​Navigationsplattform eine tatsächlich nicht existierende (langsame) Rollbewegung um die Z-​Achse registrierte. Norrmalerweise hätten die Sternensensoren den Fehler bemerken müssen, was aber aus unbekannten Gründen nicht der Fall war. Ab etwa 19:10 UTC steuerten die Reaktions-​Räder von „Hitomi“ gegen die vermeintliche Rotation, versetzten ihn tatsächlich aber erst in einen gefährlichen Spin. Als die Kreisel ihre Sättigung erreicht hatten, wurden sie abgeschaltet und der Sonnensensor hätte den Satelliten in einem Sicherheitsmodus stabilisieren sollen. Die nun zur Ausrichtung aktivierten Lageregelungstriebwerke bezogen aber (entweder wegen eines kurz zuvor durchgeführten fehlerhaften Software-​Updates oder irritiert durch den jüngst ausgefahrenen Mast der optischen Bank) weiterhin falsche Daten und verstärkten nur noch die Rotation, bis am 26.03.2016 die Solarzellenflächen und/​oder der Ausleger der Optik in der wilden Taumelbewegung abbrachen.
Bei den drei mitgeführten Microsatelliten handelte es sich um „Horyu“ 4 (AEGISArc Event Generator and Investigation Satellite) sowie „Kinshachi“ 2 (ChubuSat 2) und „Kinshachi“ 3 (ChubuSat 3). Die ursprünglich ebenfalls geplante Mitnahme von acht CubeSats eines namentlich nicht genannten US Kunden wurde kurzfristig aus zeitlichen/​organisatorischen Gründen gestrichen. „Horyu“ 4 stammte vom Kyusyu Institute of Technology (KIT) und sollte wie der 2012 gestartete „Horyu“ 2 bekannte und unbekannte Phänomene beim Einsatz von Hochvolt-​Solarzelleninstallationen erforschen. Insbesondere erhoffte sich das Team, Aufnahmen von Hochspannungsüberschlägen gewinnen zu können. Die Daten sollten zukünftigen Satellitenentwicklungen zugute kommen. Die beiden ChubuSats (benannt nach der Chubu Region in Zentral-​Japan) waren gemeinsam von Studenten der Nagoya University und der Daido University entworfen und gebaut worden. „Kinshachi“ 3 sollte Erdaufnahmen anfertigen, mit einem Fokus auf dem Gletscherschwund vor dem Hintergrund des Klimawandels. Auch wollte man versuchen, die Kamera bei der Indentifizierung von „Weltraumschrott“ einzusetzen. An Bord des Satelliten flog außerdem ein AIS (Automatic Identification System) Empfänger zur Lokalisierung von Hochseeschiffen. „Kinshachi“ 2 hingegen hatte zwei neu designte Strahlungs-​Detektoren für Neutronen und den Gammastrahlungs-​Bereich an Bord sowie eine Infrarot-​Kamera. Die Messungen des Satelliten sollten eigentlich jene von „Hitomi“ unterstützen. Bei beiden „Kinshachi“ Satelliten war auch eine Nutzung als Amateurfunk-​Relais vorgesehen.