Chronik
Olafs Raumfahrtkalender

Olafs Raumfahrtkalender

Geschichte und Geschichten aus mehr als 5½ Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2017-04-29T21:49:44+02:00

Juli 2016.

1Juli

Progress MS-01 während des Re-Docking am 01.07.2016

Am 01.07.2016 unternahm das russische Kontrollzentrum für bemannte Raumflüge einen ursprünglich nicht vorgesehenen Test mit dem Progress MS-​01 Transportraumschiff, dem ersten einer neuen Serie, bei dem diverse Modifikationen eingeführt worden waren, die einige Tage später größtenteils auch beim bemannten Sojus MS-​01 Raumschiff debütieren sollten. Als die Progress MS-​01 im Dezember 2015 an der ISS andockte, konnte die Funktion des Handsteuerungssystems TORU jedoch nicht verifiziert werden, weil eine Komponente auf der ISS ausgefallen war. Daher hatte man beschlossen, die Progress kurzzeitig ab– und dann unter Einsatz der Handsteuerung wieder anzudocken. Dabei bot sich die Gelegenheit, das modernisierte Kamerasystem des Raumschiffs zu testen. Die Abkopplung erfolgte um 05:36 UTC im automatischen Regime. Der Computer manövrierte das Raumschiff auf eine Position rund 200 m von der Station entfernt. Dann steuerten die beiden russischen Kosmonauten Alexej Owtschinin und Oleg Skripotschka das Raumschiff wieder manuell an die Station heran. Um 06:05 UTC war das erneute Docking am „Pirs“ Modul vollzogen. Die verbesserten Systeme erfüllten dabei die Erwartungen. Doch während der Test als solcher ein voller Erfolg war, kam es beim Docking zu einem unerwarteten Zwischenfall. Offenbar wegen eines Sensorproblems zündeten beim Kontakt der Führungsstange des Kopplungsadapters der Progress mit dem Gegenstück von „Pirs“ nicht nur die DPO Triebwerke in Richtung der X-​Achse, sondern auch in Richtung der Y-​Achse. Daraufhin begann das Raumschiff gefährlich zu oszillieren, bis die Kosmonauten die Triebwerke nach etwa einer Minute stoppen konnten. Die robuste Konstruktion des Docking-​Systems hatte zudemimmerhin Beschädigungen verhindert. Bald darauf war Progress MS-​01 wieder sicher verankert.
3Juli
Nachdem am Vortag zu Testzwecken noch ein Re-​Docking des Progress MS-​01 Raumschiffs am „Pirs“ Modul der ISS unternommen worden war, koppelte das unbemannte Transportraumschiff am 03.07.2016 um 03:49 UTC endgültig von der Internationalen Raumstation ab. Einige Stunden später, am 03.07.2016 um 07:03 UTC wurde mit einer finalen Triebwerkszündung der Abstieg in die unteren Schichten der Atmosphäre eingeleitet. Gegen 07:50 UTC dürfte das mit Abfällen beladene Raumschiff über dem Pazifik verglüht sein.
5Juli

künstlerische Darstellung von Juno am Jupiter

Die wissenschaftlich sehr vielversprechende aber kaum öffentlichkeitswirksame Raumsondenmission Juno erreichte am 05.07.2016 einen kritischen Meilenstein, als die Sonde nach fast fünfjährigem Flug ihr Ziel, den Planeten Jupiter, erreichte und ihr erstes Perijovum durchflog. Dabei lief die kritische Jupiter Orbit Insertion (JOI) Phase vom 01. bis zum 05.07.2016. Das entscheidende Bremsmanöver begann am 05.07.2016 um 03:18 UTC und dauerte 35 Minuten. Erst jetzt war Juno tatsächlich in einen Orbit um den Gasriesen eingeschwenkt. Die erreichte elliptische Bahn führte einmal in etwa 53,5 Tagen um Jupiter herum. Für die geplanten wissenschaftlichen Forschungen eignete sich diese Bahn (Capture Orbit Phase) nur eingeschränkt. Immerhin wurden beim Durchfliegen des nächsten, etwa 4.200 km hohen, Perijovums am 27.08.2016 die Instrumente erstmals getestet. Doch den Science Orbit strebte die NASA erst für den November 2016 an. Insgesamt etwa anderthalb Jahre sollte Juno aus dem Jupiterorbit Meßdaten und auch (als ein Zugeständnis an die Öffentlichkeit) Bilder liefern.
7Juli

die Sojus-FG mit dem ersten Sojus-MS Raumschiff auf der Startrampe

Sojus MS-01 im Anflug auf die ISS

Wenige Monate vor dem 50. Jahrestag des ersten Starts eines (unbemannten) Prototypen des Sojus-​Raumschiffs hob am 07.07.2016 um 01:37 UTC von Baikonur eine Sojus-​FG 11A511U-​FG mit der jüngsten Modifikation dieses langlebigsten bemannten Raumfahrzeugs überhaupt ab. Gewidmet war der Flug aber einem anderen Jubiläum, nämlich dem 70. Jahrestag der Gründung des OKB-​1 — heute RKK Energija und u.a. Hersteller der Sojus-​Raumschiffe — am 26.08.1946. Die Verbesserungen des Sojus-​MS Modells betrafen hauptsächlich die Einführung von Solarzellenflächen mit höherem Wirkungsgrad, das neue Kurs-​NA Rendezvous– und Docking-​System aus russischer statt wie beim Vorgänger ukrainischer Produktion, einen leichteren und leistungsfähigeren Bordcomputer, ein für die Übertragung über die Satelliten der Lutsch Konstellation optimiertes Kommando– und Telemetriesystem, ein GLONASS /​GPS /​KOSPAS-​SARSAT kompatibles modernisiertes Positionsbestimmungssystem für die Landephase, einen verbesserten Mikrometeoritenschutz und ein modifiziertes Manöver– und Lageregelungstriebwerk für mehr Sicherheit in der Rendezvous– und Retrophase. Da die kritischen Elemente dieser Neuerungen bereits bei vorangegangenen Sojus– und Progress-​Flügen erprobt worden waren, konnte auf einen dedizierten unbemannten Testflug verzichtet werden. Allerdings waren doch wenige Wochen vor dem geplanten Starttermin 24.06.2016 Bedenken hinsichtlich des Kontrollsystems der Sojus aufgekommen. Unter bestimmten Bedingungen, so die Experten, drohte das Raumschiff in eine unkontrollierbare Rollbewegung zu geraten. Für weitere Tests und Korrekturen wurde der Start daher um knapp zwei Wochen verschoben. Die Besatzung beim Premierenflug bildeten Kommandant Anatoli Iwanischin (Roskosmos) sowie die Bordingenieure Takuya Ōnishi (JAXA) und Kathleen Rubins (NASA). Für einen gründlichen Test der Sojus Modifikationen mußten die drei Raumfahrer diesmal einen zweitägigen Anflug auf die ISS nach dem früher üblichen Schema auf sich nehmen. Probleme traten dabei nicht auf. Auch die kritische Rendezvous– und Dockingphase verlief präzise im automatischen Regime. Am 09.07.2016 um 04:06 UTC war das Docking von Sojus MS-​01 am „Rassvjet“ Modul vollzogen. Bald darauf konnten die Neuankömmlinge in die ISS hinüber wechseln und verstärkten dort die bisherige Expedition 48 Besatzung.
16Juli

Progress MS-03 auf der Startrampe

Nachschub für die ISS transportierte das russische Progress MS-​03 Raumschiff, das am 16.07.2016 um 21:42 UTC mit einer Sojus-​U 11A511U Rakete von Baikonur gestartet wurde. Insgesamt über 2.400 kg Fracht befanden sich an Bord, teils im hermetischen Frachtraum, teils in den Tanks für (technische) Gase und Treibstoff. Nach einem etwas über zweitägigen Transferflug hatte sich die Progress am 18.07.2016 der Internationalen Raumstation bis auf wenige hundert Meter genähert und begann den finalen Anflug auf den erdzugwandten Dockingport des russischen „Pirs“ Moduls. Dort legte das Raumschiff am 19.07.2016 um 00:20 UTC sicher im automatischen Regime an.
18Juli

doppelbelichtete Aufnahme von Start und Landung der CRS 9 Mission

Landung der Falcon 9 Erststufe des CRS 9 Starts

Augenblicke vor dem „Einfangen“ von CRS-9

die geborgene Landekapsel der CRS 9 „Dragon“

Nur zwei Tage nach dem russischen Progress MS-​03 Raumschiff startete von Cape Canaveral die SpaceX CRS 9 Mission. Die Falcon 9 v1.2 hatte diesmal nicht nur das „Dragon“ Frachtraumschiff mit dem üblichen Mix an Nachschubgütern an ihrer Spitze. Im sogenannten „Trunk“, dem nicht druckbeaufschlagten Teil des Raumschiffs, war diesmal der zweite IDA (International Docking Adaptor) verstaut. Die IDAs basierten auf dem 2010 verabschiedeten Entwurf für einen International Docking System Standard (IDSS), der die Kompatibilität zukünftiger Raumschiffe aller am ISS Programm beteiligten Nationen zu den Docking-​Ports sicherstellen sollte. Für das NASA Docking System (NDS) griff man bei Boeing auf das russische APAS-​95 Design zurück. Die Grundstruktur lieferte denn auch RKK Energija. Ursprünglich sahen die Planungen die Montage von IDA 1 am PMA 2 Knoten des „Harmony“ Moduls vor, während IDA 2 die PMA 3 Position im Zenit des Moduls belegen sollte. Doch der erste IDA ging am 28.06.2015 beim Fehlstart der SpaceX CRS 7 Mission verloren. Nun flog IDA 2 auf der CRS 9 Mission. Unterdessen liefen bei Boeing die Arbeiten für die Fertigung eines IDA 3 aus vorhandenen Ersatzteilen und neu zu fertigenden Baugruppen. Diesmal gelang der Start der Falcon 9 v1.2 reibungslos. Pünktlich und ohne Startverschiebung hob die Rakete am 18.07.2016 um 04:45 UTC von Cape Canaveral ab. Während die zweite Stufe der Rakete mit dem Raumschiff noch auf dem Weg in den Orbit war, unternahm die Erststufe wieder einen Landeversuch. Im Gegensatz zu den Missionen auf geostationäre Transferbahnen, bei denen die Stufe weit draußen über dem Atlantik auf einer schwimmenden Plattform landen mußte, erlaubten die CRS Missionen die Rückkehr nach Cape Canaveral. Das erhöhte die Erfolgschancen des noch immer gewagten Manövers. Tatsächlich ging die Stufe aber sicher in der Landing Zone 1 nieder. Auch die weitere CRS 9 Mission verlief routiniert. Die „Dragon“ erreichte am 20.07.2016 den Nahbereich der ISS und wurde um 10:56 UTC vom Manipulatorarm der Station gegriffen. Nach einem Schwenk zum erdzugewandten Berthing-​Port des „Harmony“ Moduls wurde das Berthing um 14:03 UTC vollzogen. Am 17.08.2016 begannen dann die komplexen Manöver zur Extraktion des IDA 2 aus dem Stauraum im Trunk von „Dragon“. Zunächst nahm der Canadarm2 die Dextre Erweiterung auf und manövrierte zur Liegeposition von „Dragon“. Nachdem die Dextre Greifer sicher mit den Ankerpunkten des IDA verriegelt waren, zog der Canadarm2 den Kopplungsadapter vorsichtig aus dem Trunk. Dabei kam es zu einem unglücklichen Zwischenfall, als sich ein mit einem Sicherungsseil gesicherter Bolzen an einem Handgriff verfing. Tatsächlich gelang es den Operatoren das Problem zu lösen, ohne daß eine Not-​EVA anberaumt werden mußte. Die restliche Distanz war rasch überbrückt und die Installation am 18.08.2016 während eines Außenbordmanövers von Jeffrey Williams und Kathleen Rubins vollzogen. Beladen mit etwa 1.550 kg Proben von Experimenten, verschlissenem Equipment u.a.m. löste sich die das „Dragon“ Raumschiff am 25.08.2016 um 21:00 UTC von der Raumstation. Das Freisetzen durch den Canadarm2 geschah am 26.08.2016 um 10:11 UTC. Die CRS 9 Mission kam am 26.08.2016 um 15:47 UTC zu ihrem Ende, als die Landekapsel des Raumschiffs etwa 525 km südwestlich von Baja California im Pazifik wasserte.
28Juli

die Nutzlastverkleidung von NROL 61 mit dem Maskottchen „Spike“

Im Auftrag des NRO (National Reconnaissance Office) startete am 28.07.2016 eine Atlas V Mod. 421 von Cape Canaveral. Über dieses Tatsache hinaus verlauteten kaum Informationen zu der als NROL 61 oder USA 269 bezeichneten Mission. Auch die eingesetzte Trägerrakete ließ diesmal wenig Rückschlüsse zu, denn bisher war dieses mit zwei AJ-​60A Feststoffboostern ausgerüstete Modell noch nicht für das NRO geflogen. Jedenfalls betrug die Nutzlastkapazität der Rakete für geostationäre Transferbahnen etwa sieben Tonnen. Und auch der Einsatz der längsten der verfügbaren 4 m Nutzlastverkleidungen erlaubte gewisse Rückschlüsse. Da es keine Hinweise auf ein komplett neuartiges Satellitenmodell gab, schien ein Datenrelaissatellit (oder ein Doppelstart) für das Satellite Data System (SDS) wahrscheinlich. Die von Beobachtern als dritte Generation klassifizierten Satelliten — Codename QUASAR — waren aber zuletzt auf Atlas V Mod. 401 mit kurzer Nutzlastverkleidung geflogen. Das legte die Einführung eines neuen Modells nahe. Der Satellit wurde jedenfalls erfolgreich auf dem vorgesehenen Transferorbit ausgesetzt. Die weiteren Missionsdetails unterlagen wieder der Geheimhaltung. Doch Hobby-​Astronomen verfolgten die anschließenden Bahnmanöver, die den Satelliten auf einen geostationären Orbit anhoben. Etwa gleichzeitig begann auch USA 227 zu manövrieren, ein im März 2011 gestarteter Satellit der SDS 3 Generation. Während dieser seine Position über 92° Ost räumte, traf USA 269 dort am 08.08.2016 ein. Diese Beobachtungen stützten natürlich die These, daß der neue Satellit dem SDS Programm zuzuordnen war.
Ein Kuriosum dieser Mission war ihr Maskottchen „Spike“. Seit einigen Jahren war es normale Praxis, Patches zu den geheimen NRO Missionen zu veröffentlichen, in denen Andeutungen zur Mission des jeweiligen Satelliten versteckt waren. Diesmal zierte eine grüne Eidechse im Comic Stil die Nutzlastverkleidung der Atlas. Und das NRO baute auf seiner Facebook-​Seite eine an Kinder gerichtete Öffentlichkeitskampagne rund um „Spike“ auf. Die Eidechse sollte demnach auch zukünftig vom Verlauf der streng geheimen Mission berichten…