Laika“ umkreist die Erde

Portrait von LaikaDer unerwartete Eindruck, den der Start des ersten Sputnik hinterlassen hatte, führte der sowjetischen Staats– und Parteiführung vor Augen, welches großartige neue Propagandainstrument ihnen nun zur Verfügung stand. Während in den USA kontrovers der Stand der eigenen Industrie im Vergleich zur sowjetischen diskutiert wurde — mehrheitlich hatte man die vom 2. Weltkrieg schwer gezeichnete Sowjetunion als rückständiges Agrarland betrachtet — fühlte man hier einen gewaltigen Triumph über den ehemaligen Allierten, der nun im Kalten Krieg das Land mit seinen Hightech-​Waffen eingekreist hatte. Nikita S. Chruschtschow forderte jedenfalls von Sergej P. Koroljow umgehend einen neuen Beweis der sowjetischen Führungsrolle bei der Erforschung des Kosmos. Da sich die Sprengkopfattrappen bei den ersten Testflügen der R-​7 Rakete beim Wiedereintritt in die Atmosphäre selbst zerlegten, mußte ihre Form komplett überarbeitet werden. Das hatte überhaupt erst ermöglicht, zwei Raketen aus dem laufenden Erprobungsprogramm für Raumfahrtmissionen abzuziehen. Eine Rakete stand also für eine weitere Mission noch zur Verfügung. Doch womit konnte man die Weltöffentlichkeit erneut nachhaltig beeindrucken? Koroljow schlug den Flug eines Hundes vor, da der Bau des geplanten großen Forschungslabors noch immer nicht entscheidend vorangekommen war. Weil der Start anläßlich des 40. Jahrestags der Oktoberrevolution (7. November) stattfinden sollte, blieb weniger als ein Monat, die Idee umzusetzen. Unter Verwendung vorhandener Baugruppen, jedoch ohne vorher Zeichnungen oder gar einen Prototypen anzufertigen, begann man mit dem Bau des zweiten Sputnik. Eine Satellitenzelle analog der des ersten Sputnik wurde strukturell mit einer Hunde-​Druckkabine aus dem Höhenraketenprogramm verbunden. Dazu kamen einige wissenschaftliche Instrumente: ein Gerät zur Messung der ultravioletten und Röntgenstrahlung der Sonne und zwei Instrumente zur Untersuchung der kosmischen Strahlung bzw. zur Übermittlung von Druck– und Temperaturwerten.
Als Versuchstier wurde die Husky-​Mischlingshündin „Laika“ ausgewählt, eine zierliche 2 Jahre alte Hündin. Ihre Druckkabine, später in der Presse verniedlichend als „kosmische Hundehütte“ bezeichnet, wurde mit einem Vorrat an Kaliumperoxid als Sauerstoffträger (ausreichend für etwa eine Woche), einem Laika vor der DruckkabineFütterungsautomaten und einer Vorrichtung zur Sammlung der Fäkalien versehen. Sorgen bereitete den Ingenieuren allerdings die Temperaturregelung in der Kabine. Es lagen praktisch keine Erfahrungswerte vor, die für deren Auslegung herangezogen werden konnten. Zeit für Testreihen blieb ohnehin nicht. Also konnte man nur improvisieren. Eine Art Sonnenschirm war als Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung vorgesehen, während ein paar Ventilatoren für eine Luftzirkulation im Inneren sorgen sollten. Im Gegensatz zu Sputnik 1, dessen Funksignale kaum wissenschaftlichen Wert gehabt hatten, wollte man bei Sputnik 2 diverse Meßdaten empfangen können. Daher durfte der Satellit nicht unkontrolliert taumeln. Um ihn in der Bahn zu stabilisieren, entschied man, auf die Abtrennung der letzten Raketenstufe zu verzichten. Damit war eine einigermaßen stabile räumliche Lage sichergestellt, was den Empfang der Signale der Tral Senders erleichterte. Der Sender übertrug abwechselnd die Daten des solaren Strahlungsexperiments, der beiden Zähler für die kosmische Strahlung, von 12 Temperatursensoren und von Laikas Vitalfunktionen (Blutdruck, Herschlag, Atmung und Bewegung). Der Abtrennmechanismus für die Nutzlastverkleidung wurde hingegen verbessert, um jeden unnötigen Impuls auf den Satelliten zu vermeiden.
Am 03.11.1957 hob die Sputnik 8K71PS Rakete von Baikonur ab, gerade rechtzeitig zu den bevorstehenden Jubelfeiern zum Revolutionsjubiläum. Die Rakete erreichte, was angesichts der bisherigen Ergebnisse keinesfalls selbstverständlich war, die vorgesehene Umlaufbahn. TASS überraschte die Welt mit der sensationellen Meldung, daß an Bord von Sputnik 2 erstmals ein Lebewesen die Erde umkreiste. Sensationell Laika beim Training in der Kabinewar auch die Nutzmasse des Satelliten: 508,3 kg. Diese beeindruckte die amerikanischen Militärs natürlich weitaus mehr, als die Art der Nutzlast. Weltweit sorgte Laikas flug dagegen für zwiespältige Reaktionen. Einerseits Begeisterung für das atemberaubende Tempo, in dem die Raumfahrt voranschritt. Der Flug des Menschen in den weltraum konnte nur noch wenige Jahre Entfernt sein. Wenn überhaupt. Andererseits verstärkten sich aber auch die Kriegsängste angesichts der neuen gewaltigen Waffe, über die die Sowjetunion offenbar verfügte. Und dann waren da auch noch die vielen Menschen, die sich Sorgen um das Wohlergehen von Laika machten. Denn von einer Rückkehr der Hündin zur Erde war keine Rede. Bald kursierten zwar Gerüchte, wonach die Mediziner eine Vorrichtung vorgesehen hatten, die Laika ein humanes Ende gewähren sollte. Doch tatsächlich war in der kurzen Zeit bis zum Start soetwas nicht realisiert worden. Vermutlich blieb nicht einmal Zeit, eine solche Idee ernsthaft zu erörtern. Im westlichen Ausland protestierten zahlreiche Tierschützer gegen das absehbare Ende von Laika. Was zu dieser Zeit niemand wußte, war, daß Laika tatsächlich schon Stunden nach dem Start qualvoll verendet war. Denn wie befürchtet, hatte sich die Temperaturregelung tatsächlich als vollkommen ungenügend erwiesen. Telemetriedaten von Laikas Biosensoren konnten lediglich während des Aufstiegs und für die Dauer von etwa zwei Erdumläufen empfangen werden. Danach hatte sie den Start gut verkraftet und sich rasch beruhigt. Doch dann stiegen die Temperaturen in ihrer Kabine unaufhaltsam an…
Abgesehen von der Erkenntnis, daß höhere Organismen der Schwerelosigkeit zumindest kurzzeitig gewachsen sind, blieben den Wissenschaftlern vom Flug des zweiten Sputniks nur wenige verwertbare Meßdaten. Zwar arbeiteten die Meßdatensender nach dem Tod von Laika noch einige Zeit. Doch nur ein Teil der Instrumente lieferte verwertbare Daten. Die Messungen der solaren Strahlung litten unter der zu hohen Empfindlichkeit der Instrumente. Bis zum 09.11.1957 konnten dagegen gute Daten des beiden KS-​5 Zähler empfangen werden. Doch mangels Vergleichsdaten weiterer Missionen fiel deren Einordnung den sowjetischen Wissenschaftlern auch später schwer. Dabei fanden sich, wie sich später zeigte, unter den Daten die ersten Hinweise auf die irdischen Strahlungsgürtel. Doch fügten sich diese zu keinem Gesamtbild, da nur sowjetische Bodenstationen beim Überflug die verschlüsselten Informationen empfangen konnten. Während des größten Teils eines Orbits gingen die Daten dagegen verloren. Was blieb, war ein ungeheurer Propagandaerfolg und der Name eines kleinen Hundes, den plötzlich die ganze Welt kannte.