Hintergrundartikel
Olafs Raumfahrtkalender

Olafs Raumfahrtkalender

Geschichte und Geschichten aus sechs Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2018-06-20T22:27:54+02:00

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Buran“ — Schneesturm im All


Diesen Artikel schrieb Stefan Wotzlaw, ein ausgewiesener Kenner der sowjetischen und russischen Raumfahrt, vor über 15 Jahren für den „Raumfahrtkalender“. Damals lautete der Titel noch: Sie war das Kronjuwel der sowjetischen Raumfahrt. Heute verstaubt sie in einem Hangar des Kosmodroms Baikonur — die Raumfähre Buran. buran_reste Leider sollte das Ende von Buran noch weitaus trauriger sein, als es sich seinerzeit abzeichnete. Am 12.05.2002 brach das Dach des MIK-​112 bei unsachgemäß ausgeführten Wartungsarbeiten unter der Last des dort gelagerten Baumaterials zusammen. Mehrere Bauarbeiter kamen dabei ums Leben. Vom einstigen Stolz der sowjetischen Raumfahrt blieben ebenfalls nur noch beklagenswerte Trümmer. Ein einzigartiges Zeugnis der Raumfahrtgeschichte war ebenso unwiederbringlich verloren, wie das nicht flugfähige Modell der Energija Rakete, auf der Buran montiert gewesen war.
Erst im Frühjahr 2008 gab es wieder einmal gute Nachrichten zum Thema Buran. Nach langem Kampf war es dem Technik Museum Speyer gelungen, den Buran Prototypen BTS-​002 (OK-​GLI) zu erwerben, wo er ab Herbst das Prunkstück der neu konzipierten Raumfahrtausstellung bildete.
Auch wenn manches in diesem Artikel geschilderte inzwischen überholt ist und heute verfügbare Informationen einen noch tieferen Einblick in die Geschichte des Energija-​Buran Programms ermöglichen, bietet der Artikel doch eine interessante Sicht auf das letzte Großprojekt der untergehenden Sowjetunion. Daher möchte ich ihn meinen Lesern nicht vorenthalten.

Eine symmetrische Antwort

Moskau, Februar 1976. Politbüro und Ministerrat beraten über die Zukunft der sowjetischen Raumfahrt. Wie geht es weiter nach der Pleite der Mondrakete N-​1? Die Blicke richten sich über den Atlantik. Dort arbeitet die NASA an einem neuartigen Raumtransportsystem, dem Space Shuttle. Die amerikanische Luftwaffe zeigt großes Interesse an der wiederverwendbaren Raumfähre. Was liegt näher, als im Space Shuttle eine neue Waffe, einen „Raumkreuzer“ zu sehen? So sind jedenfalls die Überlegungen der Marschälle und Politbüromitglieder. Parteichef Breshnew fordert eine „symmetrische Antwort“ auf die Bedrohung, ein sowjetisches Kosmoljot. Das „Erzeugnis 11F35“, so die Codebezeichnung der späteren Raumfähre Buran, war geboren.
In den nächsten 17 Jahren bis zum Programmabbruch im Juni 1993 verschlangen 11F35 und seine Trägerrakete 11K25 „Energija“ umgerechnet rund 30 Milliarden Dollar. Etwa 1,2 Millionen Menschen und 1200 Konstruktionsbüros, Betriebe, Organisationen und Institutionen waren direkt oder indirekt beteiligt. Es handelte sich um das größte Raumfahrt– und vielleicht auch Rüstungsprojekt der Sowjetunion und trug gleichzeitig wesentlich zum Zusammenbruch der östlichen Supermacht bei.

Eine unvollständige Kopie

energija-3lVon Anfang an lagen den sowjetischen Konstrukteuren umfangreiche Dokumente und geheime Unterlagen über den amerikanischen Space Shuttle vor. Dennoch wurde schnell klar, daß eine exakte Kopie mit den technischen Möglichkeiten der Rüstungsindustrie der UdSSR nicht möglich war.
Der amerikanische Raumtransporter besteht aus einem Orbiter mit drei kryogenen Haupttriebwerken, einem sogenannten Außentank und zwei Feststoffraketen (SRB) zur Erzeugung der Anfangsbeschleunigung in der Startphase.
Die Technologie zur Herstellung von Feststoffraketen war in der UdSSR vergleichsweise unterentwickelt. An solche gigantischen Motoren wie die SRB der Amerikaner war gar nicht zu denken.
Mit Flüssigkeitstriebwerken hatte man dagegen sehr große Erfahrungen. An die Stelle der beiden SRB traten daher vier Flüssigkeitsbooster (Block-​A), die mit der konventionellen, aber gut beherrschbaren Treibstoffkombination Kerosin — Flüssigsauerstoff betrieben wurden.
Statt drei kryogenen Haupttriebwerken projektierten die Sowjets vier Motoren, um im Falle eines Triebwerksausfalls genugend Leistungsreserven zu haben. Vier Triebwerke waren aber nicht im Heck des Orbiters zu integrieren, so daß sie an dem großen Tank montiert werden mußten, was wiederum andere statische und dynamische Forderungen an die Konstruktion stellte als eine bloße Verwendung als Tank.
Daher wurde er als Zentralstufe (Block-​Z) bezeichnet. Die Treibstoffkombination energija-3l_heckFlüssigwasserstoff — Flüssigsauerstoff wurde beibehalten, was für die Sowjets in diesen Dimensionen technisches Neuland darstellte. Die Konstruktion des Orbiters kopierte die amerikanische Raumfähre bis ins Detail, wie die Zahl und Lage der Cockpitfenster, die Größe des Frachtraums usw. Lediglich die Konstruktion des Hecks konnte durch den Verzicht auf die Hauttriebwerke aerodynamisch sauber gehalten werden. Die Manövriertriebwerke wurden von der bekannten Oberstufe Block-​D übernommen, die seit Jahren mit der Trägerrakete Proton im Dienst stand. Während die Amerikaner das bewährte, lagerfähige Treibstoffgemisch Hydrazin — Stickstofftetroxid verwendeten, erforderte das sowjetische Triebwerk Kerosin und und Flüssigsauerstoff. Dazu mußte ein aufwendiger Kryotank im Heck integriert werden. Hitzeschild und andere wesentliche Elemente wurden dem Shuttle nachempfunden.
Das man offenbar nicht alle Erkenntnisse der Amerikaner hatte oder verwerten konnte, wurde erst im Zusammenhang mit dem Erstflug des Buran bekannt. Als der Orbiter nach zwei Erdumkreisungen in die Atmosphäre eintrat, zerbrach er beinahe. Offenbar war seine Konstruktion zu schwach berechnet. der Hitzeschild wurde schwer beschädigt, auch wenn er äußerlich scheinbar unversehrt war.
Als besonders nachteilig erwies sich der Verlust der kryogenen Haupttriebwerke mit dem Abwurf der ausgebrannten Zentralstufe. Für die Bergung der vier Booster wurde ein System aus Fallschirmen und Bremsraketen angedacht, die dafür vorgesehenen Behälter waren aber bei den beiden „scharfen“ Einsätzen der Energija-​Trägerrakete leer.
Von allen drei Grundelementen der sowjetischen Raumfähre war lediglich der Orbiter wiederverwendbar, was die Wirtschaftlichkeit dieses Systems noch fragwürdiger als die des Space Shuttle machte.

Flugvorbereitungen

buran_tuaDer Bau der Raumfähre Buran und ihrer Trägerrakete Energija erfordert einen bis dahin in der Sowjetunion noch nicht dagewesenen logistischen Aufwand. Für die Herstellung des Orbiters wurde eine eigene Firma, NPO Molnija in Tuschino bei Moskau, gegründet. Auf dem Gelände des Kosmodroms Baikonur wurden die bestehenden Anlagen der Mondrakete N-​1 umgerüstet und neue Prüfstande, Montagehallen und eine Landebahn errichtet. Für den Transport der Bauteile von Moskau nach Kasachstan wurde ein ehemaliger strategischer Bomber des Typs 3M zum Transportflugzeug WM-​T umgerüstet.
Die Erprobung der Trägerrakete 11K25 „Energija“ machte befriedigende Fortschritte, auch wenn ernste Zwischenfälle nicht ausblieben. Die Raumfähre Buran blieb in ihrer Entwicklung deutlich zurück. Im April 1985 ging es erstmals um Sein und Nichtsein des Programms, nachdem sämtliche Zeitpläne nicht gehalten worden waren. Ein angeblich beobachteter Scheinangriff der Raumfähre Challenger auf Moskau bei ihrem Flug Spacelab-​3 im gleichen Monat rettete den Buran noch einmal vor drohenden Abbruch des Projekts.
Als Ende 1985 der Rumpf des ersten Einsatzexemplars (OK-​1K) nach Baikonur ausgeliefert wurde, war die Montagehalle nur minimal ausgerüstet. Minister Baklanow erschien persönlich auf dem Kosmodrom und ordnete an, daß alle zivilen und militärischen Mitarbeiter des Buran-​Programms so lange in Baikonur verbleiben mußten, bis die Startbereitschaft der Raumfähre gemeldet werden konnte. Zieldatum war das 3. Quartal 1987. In einem Kraftakt, der alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit führte, konnten die Arbeiten bis zum Sommer 1988 abgeschlossen werden.

Mission 1K1

Als die NASA die Wiederaufnahme der Shuttle-​Flüge nach der Challenger-​Katastrophe für den Herbst 1988 ankündigte, veröffentlichte die Prawda überraschend Fotos des sowjetischen Gegenstücks auf der Rampe. Der Flug der Raumfähre Buran sollte unmittelbar bevorstehen.
Tatsächlich waren wieder einmal die Aktivitäten der Amerikaner ein entscheidendes Motiv für das Handeln der Sowjets. Zahlreiche verantwortliche Konstrukteure zweifelten an der Flugbereitschaft des Buran. Das Steuersystem war noch nicht ausgereift. Es gab nur einen einzigen Flugpfad für den Abstieg zur Erde. Bei Bodenversuchen hatten Ventilsysteme versagt, ohne daß man die Ursache für den Defekt gefunden hatte. Die Stromversorgung des Kosmodroms war sehr unzuverlässig. Ein Stromausfall in der entscheidenden Phase der Startvorbereitungen hätte katastrophale Folgen haben können.
Die politischen und industriellen Entscheidungsträger im Ministerium für Allgemeinen Maschinenbau, beim Militär und den leitenden Raumfahrtunternehmen NPO Energija und NPO Molnija wollten den Flug, weil sie sich von einem Erfolg weitere Mittel für Fortsetzung des Programms versprachen. Man einigte sich auf einen minimalen Testflug mit zwei Erdumkreisungen ohne Öffnung des Laderaums und unter weitgehenden Verzicht auf Subsysteme wie komplexe Navigationsanlagen, Lebenserhaltung, Brennstoffzellen usw. Entscheidend war die Demonstration einer vollautomatischen aerodynamischen Gleitlandung auf der Piste von Baikonur.
Alles weitere ist hinreichend bekannt. Am 15.November 1988 absolvierte die Raumfähre Buran ihren ersten und letzten Flug, offiziell als Mission 1K1 bezeichnet. Alles lief zumindestens äußerlich wie geplant. Das Glück der Tüchtigen stand diesmal auf der Seite der sowjetischen Ingenieure, als der Orbiter trotz Überschreitung der Maximalwerte für die zulässige Windgeschwindigkeit nach zwei Stunden Flug eine exakte Punktlandung auf dem Flugplatz „Jubiläum“ hinlegte. Die Weltöffentlichkeit blickte in diesen Tagen wieder einmal staunend nach Baikonur und erwartete weitere „kosmische Sensationen“.

Das Ende

Die Sowjetunion hatte sich zu diesem Zeitpunkt aber schon ökonomisch und finanziell völlig verausgabt. Das Raumfahrtprogramm, Hätschelkind aller sowjetischen Führer seit Chruschtschow, wurde vom Strudel der Wirtschaftskrise erfaßt.
Schon auf dem Aerosalon Le Bourget 1989 wurde verkündet, daß frühestens 1991 mit einem bemannten Flug der Raumfähre Buran zu rechnen sei. Später mußte aus Kostengründen der Plan verworfen werden, buran_gorkiparkeinen weiteren unbemannten Testflug, diesmal zur Raumstation Mir, zu unternehmen.
Am 25. Juni 1993 beschlossen der Rat der Chefkonstrukteure und die Raumfahrtbehörde RKA, das Programm Energija –Buran aus Kostengründen endgültig abzubrechen.
Drei Energija-​Raketen blieben ohne Flugauftrag im Hangar Nr. 112 von Baikonur liegen, bis alle Garantiefristen abgelaufen waren und nur noch ihre Verschrottung übrigblieb. Die Raumfähre Buran (1K) und ihr Schwesterschiff 2K stehen bis heute in den Montagehallen des Kosmodroms. Sie werden nie wieder fliegen. Selbst der Rücktransport nach Europa ist aus technischen Gründen nicht möglich. Kacheln des Hitzeschildes kann man vom Bodenpersonal für 30 Dollar das Stück erwerben. Die Startplätze Nr. 110 und 250 verrotten nach nur insgesamt zwei Abschüssen von drei Rampen in einem Zeitraum von 10 Jahren.

Aber nicht alles, was für Energija und Buran geschaffen wurde, war umsonst. Die riesige Halle Nr. 254 wurde teilweise für die Startvorbereitung kommerzieller Satelliten und Bauteile der Internationalen Raumstation umgerüstet. Der Flugplatz „Jubiläum“ wurde rekonstruiert und dient der Anlieferung von Raumflugkörpern nach Baikonur.
Das Kopplungssystem der Raumfähre Buran bewährte sich glänzend bei neun Besuchsflügen der Raumfähren Atlantis und Discovery zur Mir.

Was bleibt vom Aufstieg und Fall der Raumfähre Buran und ihrer Trägerrakete Energija ist die Mahnung, daß technische Großprojekte ohne echtes Programm und klare Zielstellung sehr rasch zu einem milliardenschweren Grab für Steuergelder werden können — und möglicherweise sogar eine Volkswirtschaft in den Abgrund stürzen…

Autor: Stefan Wotzlaw (1998)