Telstar eröffnet das Zeitalter des Satelliten-​TV

Delta DM-19 mit Telstar IGleich mehrere Premieren waren mit jenem kleinen Satelliten verbunden, der am 10.07.1962 an der Spitze einer Delta DM-​19 in Cape Canaveral zum Start bereitstand. Erstmals führte die NASA einen Satellitenstart auf Basis einer „reimbursable“ Vereinbarung durch, also quasi gegen Kostenerstattung. Ein Novum war zudem, daß der Eigner des Satelliten ein kommerzielles Unternehmen war, das zudem eine gewinnbringende Vermarktung seiner Investition plante. Und schließlich der Satellit selbst: Telstar I, der erste aktive Kommunikationssatellit der Welt[1].
Was die Ingenieure der American Telephone & Telegraph Co. innerhalb weniger Monate entwickelt hatten, sollte die Welt schließlich binnen weniger Jahre nachhaltig verändern. Zwar war man in den berühmten Bell Laboratorien von der großen Zukunft der Idee der satellitengestützten Kommunikation überzeugt. Welche Revolution man tatsächlich auslöste, konnte aber niemand ahnen. Zumal vor dem Erfolg zunächst gewaltige Investitionen standen. Denn die American Telephone and Telegraph Co. plante nicht weniger als ein Netz von 40 Satelliten auf Polarbahnen und zusätzlich 15 Satelliten auf Äquatorialbahnen jeweils in rund 11.000 km Höhe. Dazu kamen 25 gewaltige Bodenstationen rund um den Globus. Damit ließ sich über 99,9% des Tages eine sichere Kommunikation zwischen zwei beliebigen Punkten auf der Erde gewährleisten. Die Kosten eines derartigen Systems waren geradezu astronomisch — 500 Mio. $. Für AT&T war dies jedoch kein wirkliches Problem, da man das absolute Kommunikationsmonopol in den USA besaß. Die Kosten konnten also problemlos auf den Nutzer umgelegt werden. Unter diesen Vorzeichen begannen die Bell Laboratories 1960 mit dem Entwurf eines aktiven Kommunikationssatelliten. Die Vorarbeiten reichten aber weiter zurück. Lange schon galten die Bell Labs als die führende Ideenschmiede. Und das nicht nur auf dem angestammten Gebiet der Kommunikationstechnik. Als besonders fruchtbar erwiesen sich in vieler Hinsicht die 1950er Jahre. Beispielsweise wurden 1954 bei Bell die ersten Solarzellen mit einem für praktische Anwendungen tauglichen Wirkungsgrad entwickelt. Bereits sieben Jahre zuvor war dort der Transistor erfunden worden, der nun, Mitte der 1950er Jahre, zunehmend praktischen Einsatz fand. Weitere Erfindungen, die für das Satellitenprojekt Bedeutung erlangen sollten, waren u.a. die Wanderfeldröhre (engl. Traveling Wave TubeTWT) und der Maser (Microwave Amplification Techniker bei Arbeiten an einem der Telstar Satellitenby Stimulated Emission of Radiation). Auch sie stammten aus den Bell Labs. Die angestellten theoretischen Betrachtungen und die jüngsten technischen Entwicklungen bestärkten die Ingenieure bei AT&T darin, den Einsatz von Satelliten für Kommunikationszwecke ernsthaft zu untersuchen. Ende 1958 wurden konkrete Vorarbeiten aufgenommen. Doch das erste Satellitenprojekt der Bell Labs wurde für die NASA unter Verzicht auf viele dieser Systeme umgesetzt. Der passive Echo Satellit, ein riesiger aluminiumbedampfter Ballon, sollte auf seine Eignung als Reflektor von Funksignalen untersucht werden. Für die Kommunikationsexperimente errichtete AT&T u.a. in Holmdel, New Jersey eine 15 m (50 ft.) Hornantenne. Aufgrund der gegebenen Zusammenarbeit mit der NASA rechnete man sich bei AT&T gute Chancen aus, den Zuschlag für die Entwicklung des nächsten experimentellen Kommunikationssatelliten der NASA zu bekommen. Anfang 1961 schrieb die NASA die Entwicklung unter dem Namen „Relay“ aus. Unerwartet erhielt am 18.05.1961 jedoch der AT&T Rivale RCA den Zuschlag. Von ihrer eigenen, 1960 begonnenen und bereits weit fortgeschrittenen, Entwicklung wollten die Bell Labs aber nicht lassen. Zu klären war zuvor jedoch unbedingt die Frage einer geeigneten Trägerrakete. Da BTL seit Jahren Lieferant für die Steuerungssysteme der wichtigsten Langstrecken-​Raketensysteme der USA war, bestanden gute Kontakte zum Militär. Versuche, direkt bei der USAF einen Satellitenstart zu buchen, blieben aber erfolglos. Das Monopol für zivile Nutzlasten hatte die NASA. Und die sah sich nun mit einer unerwarteten Anfrage konfrontiert. Zwar wurde das Telstar Programm teils als unmittelbare Konkurrenz zum eigenen Relay Projekt aufgefaßt. Doch erklärte sich die NASA schließlich zum Start der Satelliten bereit. Da die Behörde nicht gewinnorientiert arbeiten durfte, wurde ein Vertrag auf Basis einer Kostenerstattung geschlossen. Die kalkulierten 3 Mio. $ waren auch bei einem Fehlstart fällig, allerdings garantierte die NASA für diesen Fall einen kurzfristigen Wiederholungsstart.
die Horn-Antenne in Andover ca. 1962Während in den Bell Labs Konstruktion und Bau von zuächst sechs Telstar Satelliten anliefen, mußten in kürzester Zeit vielfältige weitere Fragen geklärt werden. So mangelte es natürlich noch an geeigneten Bodenstationen. Glücklicherweise zeigten gleich mehrere europäische Postbehörden großes Interesse an einer Kooperation. Sowohl Großbritannien als auch Frankreich wollten auf eigene Kosten entsprechende Installationen errichten (Italien, Deutschland, Brasilien und Japan kamen später hinzu). Auch AT&T plante eine neue Bodenstation. Dabei handelte es sich wieder um eine um zwei Achsen bewegliche Hornantenne, ein Design, an dessen Optimierung die Bell Ingenieure seit Jahren erfolgreich gearbeitet hatten. Im Vergleich zu der Antenne in Holmdel nahm sich diese jedoch geradezu riesig aus. Allein die Antenne war 64 m (210 ft.) lang und 49 m (160 ft.) hoch. Ein geeigneter Standort war im Dezember 1960 im US Bundesstaat Maine nahe Andover gefunden. Am 01.05.1961 begannen die Bauarbeiten für die Bodenstation, eine gewaltige Konstruktion von ingesamt 340 Tonnen. Um die empfindliche Antenne vor dem oft rauhen Klima der US Ostküste zu schützen, sollte die gesamte 15 Mio. $ Konstruktion von einem Radom geschützt werden. Führend auf diesem Gebiet war seit Ende der 1940er Jahre das Unternehmen Birdair Inc. Gewohnt war man es dort, Radome zum Schutz von Radarinstallationen zu die 26 m Parabolantenne „Arthur“ in Goonhilly Downsliefern oder kleinere Traglufthallen. Doch für eine Konstruktion von solchen Ausmaßen, wie sie die Andover Station erforderte, gab es keinerlei Vorbilder. Zudem sollte die Dämpfung der ohnehin schon schwachen Satellitensignale durch die Radomhülle nochmals minimiert werden. Das bedingte den Einsatz vollkommen neuer Materialien. Optimale Eigenschaften versprach eine Verbindung von Hypalon (einem witterungsbeständigen Elastomer) und Dacron (einer Polyester-​Faser) des DuPont Konzerns. Doch der später als 2D17H70 bezeichnete Werkstoff existierte lediglich in der Theorie, als Birdair den Auftrag zu Lieferung der Radome annahm. Vor allem die Versiegelung der Nähte zwischen den einzelnen Bahnen einer solchen Konstruktion stellte eine kaum lösbare Herausforderung dar. Und dennoch gelang es, einen funktionstüchtigen temporären Radom rechtzeitig zu Beginn der Konstruktionsphase der Antenne in Andover zu errichten. Dieser wurde später von einer dauerhaften Installation abgelöst. Und dabei sollte es nicht bleiben. Die französische Post hatte sich entschieden, eine identische Zwillingsstation zu Andover in Pleumeur-​Bodou zu errichten. Großbritannien hingegen setzte auf eine gewaltige freistehende 26 m Parabolantenne („Arthur“) mit einer Konstruktionsmasse von 1.118 Tonnen. Die später hinzugekommene Erdfunkstelle im bayerischen Raisting erhielt ebenfalls eine 25 m Parabolantenne, geschützt jedoch durch ein Radom von Birdair.
Während die Vorbereitungen für das Telstar Projekt also kontinuierlich voranschritten, änderten sich die Rahmenbedingungen für AT&T radikal. Der neue US Präsident John F. Kennedy betrieb die Abkehr von der Politik seines Vorgängers Dwight D. Eisenhower, der das Kommunikationsmonopol von AT&T auch auf den Weltraum übertragen wollte. Am 24.07.1961 ließ Kennedy eine Stellungnahme veröffentlichen, in der u.a. klargestellt wurde, daß es mit ihm kein absolutes Monopol der satellitengestützten Kommunikation geben würde. Vier Tage später schlossen AT&T und die NASA dennoch eine Vereinbarung über den Start von zunächst zwei Telstar Experimentalsatelliten. Die NASA würde nicht nur die Trägerraketen stellen. Auch der Telemetriempfang und die Bahnverfolgung wurden durch NASA Stationen sichergestellt. Umgekehrt wurden die Telstar Erdfunkstellen auch für die NASA Relay Satelliten bereitgestellt. Von der NASA initiierte Studien hatten unterdessen gezeigt, daß langfristig geostationären Satelliten die Zukunft gehörte. Noch war die Leistung der vorhandenen Raketen aber zu gering, um eine akzeptable Nutzlast auf einen solchen Orbit zu befördern. Doch verringerte sich die Zahl der benötigten Satelliten für eine globale Abdeckung signifikant und der Aufwand für die Antenneninstallationen am Boden sank auf einen Bruchteil. Zunächst galt es aber, überhaupt erste Erfahrungen mit einem aktiven Relaissatelliten zu machen. Bei den Bell Labs hatte man unterdessen seine Pläne für den Satelliten mehrfach revidieren müssen. Ursprünglich hatten die Ingenieure Telstar Satellit in der Nutzlastverkleidunggehofft, die Satelliten mit der Delta DM-​19 auf eine Kreisbahn in einigen 1.000 km Höhe befördern zu können. Es erwies sich aber als unmöglich, die notwendigen Systeme in einem Satelliten unterzubringen, der Platz unter der Standard-​Nutzlastverkleidung der Delta gefunden hätte. Alternativ gab es zwar eine großvolumigere „bulbous“ Ausführung, deren Einsatz verringerte allerdings die Nutzlastkapazität. Diese sank weiter, da die Telstar Satelliten so in der Bahn ausgesetzt werden mußten, daß ihre Spinachse eine bestimmte räumliche Lage zur Sonne sicherstellte. Dazu mußte die Rakete aber ein energetisch sehr ungünstiges sogenanntes „dogleg“ Manöver fliegen. Und schließlich waren die Satelliten trotz aller Bemühungen schwerer geraten als ursprünglich angenommen. Zu Beginn der Entwicklung waren 57 kg (125 lbs.) als Gewichtsobergrenze des Satelliten festgesetzt worden. Es zeigte sich jedoch, daß dieses Ziel nicht erreicht werden konnte und ein einsatzfähiges Exemplar eher bei 77 kg (170 lbs.) liegen würde. Das reduzierte aber die Kapazität der Thor-​Delta Rakete auf einen 42° geneigten 1.850 km (1.000 nm) Orbit, der transatlantische Verbindungen täglich nur während dreier Überflüge für jeweils 5 min zulassen würde. Als Ausweg wurde daher eine exzentrische Bahn zwischen 925 und 5.555 km (500 bis 3.000 nm) Bahnhöhe bei 45,43° Bahnneigung gewählt. Solange deren Apogäum nördlich des Äquators lag, konnten transatlantische Verbindungen für durchschnittlich 20 min drei– oder viermal täglich aufgebaut werden. Allerdings würde das Apogäum im Laufe der Zeit deutlich wandern. Tatsächlich lag es nach dem Start auch zunächst über der Südhalbkugel der Erde, wanderte aber mit etwa 2° pro Tag gen Norden. Nach etwa 50 Tagen kehrte sich die Bewegung dann wieder um. Erlaubte die Bahn also anfänglich während drei oder vier Umläufen täglich eine transatlantische Kommunikation von 10 bis 20 min, konnten während des optimalen Zeitfensters vier bis fünf Sitzungen von bis zu 40 min Dauer aufgebaut werden.
Die Gewichtsbeschränkungen durch die Wahl der Thor-​Delta führten auch dazu, daß auf die Installation des ursprünglich geplanten zweiten Transponders verzichtet werden mußte. Daher konnte nun lediglich ein Signal mit voller Bandbreite — aber auch nur in einer Richtung übertragen werden. Oder eben aber mehrere Duplex, jedoch bei verringerter Bandbreite. Auch die Kapazität der 3.600 Solarzellen (maximal knapp 15 Watt) erwies sich als nur eben ausreichend, so daß eine leistungsfähigere und damit schwerere NiCd-​Pufferbatterie eingesetzt werden mußte. Dabei war Telstar ein hochmoderner Satellit, der (mit Ausnahme der Wanderfeldröhre) vollständig auf Halbleitertechnik basierte. 1.064 Transistoren und 1.464 Dioden steckten in seinen elektrischen Schaltkreisen. Unter Berücksichtigung der Gewichtsbeschränkungen entschieden sich die Ingenieure zudem, auf einen De-​Spin-​Mechanismus für den Satelliten zu verzichten. Telstar würde also nach der Trennung von der letzten Raketenstufe weiter mit 200 min1 rotieren, was bei der Auslegung der Antennen berücksichtigt werden mußte.
Die Frequenzen für das VHF-​Kommandosystem waren so gewählt worden, daß sie kompatibel zum Minitrack-​System der NASA waren. Neuland wurde hingegen bei der Wahl der Frequenzen für die Signalübertragung betreten. Einerseits durften terrestrische Dienste nicht gestört werden, andererseits galt es, bestehende Erkenntnisse zur Kommunikation durch die Ionosphäre zu berücksichtigen. Gewählt wurden schließlich das 6 GHz Band für die Signalabstrahlung zum Satelliten und das 4 GHz Band für die Kommunikation mit der Erdfunkstelle. Maximal acht Funkkanäle sollten für das Telstar-​Projekt belegt werden. Für den ersten Satelliten wählte man Kanal 8 bzw. 8´ (6.390 bzw. 4.170 MHz). Damit bewegte man sich in den bereits für Rundfunksendungen und von terrestrischen Relaisstationen genutzten Bereichen 3.7004.200 MHz bzw. 5.9256.425 MHz. Bei einer Sendeleistung der Wanderfeldröhre von lediglich 2¼ Watt (maximal 3 Watt) mußten auf der Erde gewaltige Antennen zum Empfang der schwachen Signale errichtet werden. Maser übernahmen die Signalverstärkung. Auch die Sendeleistung war enorm, denn Telstar verfügte lediglich über eine umlaufende Antenne am Äquator der etwa kugelförmigen Satellitenzelle. Heutige Parabolantennen von 15 m Durchmesser an einem Satelliten waren damals noch Fiktion.

Szene der ersten Telstar FernsehübertragungAm 10.07.1962 gelangte Telstar I alias A-​40 präzise auf die projektierte Umlaufbahn. AT&T war damit dem technisch vergleichbaren Relay Programm um ein knappes halbes Jahr zuvorgekommen. Die Kapazität von Telstar I betrug 600 Simplex– oder 60 Duplex-​Fernsprechkanäle oder 1 TV-​Kanal. Was uns heute als sehr bescheiden erscheint, war damals tatsächlich eine beachtliche Verstärkung der transatlantischen Kommunikationskapazitäten. Das erste transatlantische Kabel (TAT-​1) für Telefonieverbindungen war erst am 25.09.1956 in Dienst gestellt worden. Seine Kapazität: 36 simultane Telefonate! 1961 erreichte die Zahl weltweiter Telefonate über das inzwischen gewachsene Netz an Unterseekabeln die Marke von 4,3 Mio. Jährlich! Bell betrieb inzwischen Überseekabel mit einer Gesamtkapazität von 600 Kanälen. Für 1965 wurde eine Verdopplung des Bedarfs erwartet. Im Jahr 1980 plante man mit 10.000 Kanälen. Selbst die bescheidenen Kapazitäten eines Telstar Satelliten erweiterten die globalen Kommunikationsangebote also deutlich. Das erste über den Telstar Satelliten übertragene Fernsehsignal konnte während des sechsten Umlaufs in Holmdel empfangen werden. Zu sehen war unter anderem eine im Wind wehende US-​Flagge vor der Bodenstation in Andover. Noch am Starttag konnte zudem eine Ausstrahlung in Frankreich (Pleumeur-​Bodou) empfangen werden, wenig später, nach Überwindung kleinerer technischer Probleme, auch in 	US Studenten sehen eine TV-Sendung mit Dwight D. Eisenhower aus StockholmGroßbritannien (Goonhilly Downs). Bald schon fanden regelmäßige Testausstrahlungen zwischen den Stationen in den USA und Europa statt, wobei auch immer wieder Programme aus Europa in die USA übertragen wurden. Erstmals erfolgte am 31.07.1962 beispielsweise eine Programmüberspielung aus Schweden. Telstar wurde in kürzester ungemein populär. Doch währte der Erfolg nicht lange. Infolge des „Starfish“ Atombombentests der USA am 08.07.1962 wurden die Solarzellen und Teile der Elektronik des Satelliten geschädigt. Eine strahlungsbedingte Alterung hatten die Ingenieure zwar erwartet und sogar extra Solarzellen und Halbleiter mit unterschiedlicher Abschirmung zu Forschungszwecken installiert. Doch die Intensität der künstlichen Strahlungsgürtel war zu hoch. Ab dem 02.08.1962 arbeitete Telstar nur noch sporadisch. Einer der beiden Kommando-​Dekoder des Satelliten hatte versagt. Am 20.12.1962 gelang es, einen speziell modifizierten Code an das noch funktionierende Kommandosystem zu übermitteln, woraufhin zentrale Systeme des Satelliten stromlos geschaltet wurden. Das brachte die betroffenen Transistoren wieder in Funktion. Ab dem 14.02.1963 mehrten sich aber die Anzeichen für eine Wiederholung der Probleme. Der Satellit reagierte immer träger auf seine Kommandos. Seit dem 20.02.1963 akzeptierte er nur noch die speziell angepaßten Befehle. Doch am nächsten Tag fehlinterpretierte er eines der Kommandos und schaltete einen Großteil der Bordelektronik stromlos. Fortan konnten keine Befehle mehr an Telstar I übertragen werden.
Empfang einer Telstar Sendung in Berlin am 23.07.1962Das tat der Begeisterung für die neuen Möglichkeiten des Fernsehens aber keinen Abbruch. Einige französische Modemacher nutzten beispielsweise die Gelegenheit, Muster ihrer neuesten Kollektionen in den USA vorzustellen, bevor sie sie in Frankreich auf Modenschauen überhaupt präsentiert hatten. Einer der erfolgreichsten Hits jener Zeit hieß denn auch bezeichnenderweise „Telstar“. Und auch international waren die Reaktionen auf Telstar überschwenglich. Eine Umfrage ergab beispielsweise, daß Telstar in Großbritannien besser bekannt war, als seinerzeit Sputnik! Allerdings dürfte eine entsprechende Kampagne der U.S. Information Agency (USIA) daran nicht ganz unbeteiligt gewesen sein.
Bedeutsam waren auch andere Experimente mit Telstar. So glichen Wissenschaftler des US Naval Observatory (USNO) Time Service in den USA und des britischen National Physical Laboratory (NPL) erstmals via Satellit die Zeitsignale in Europa und Nordamerika miteinander ab. Die Zeiten konnten nun auf 1 µs genau synchronisiert werden. Bis dahin lag der Wert bei 2.000 µs. Und am 25.10.1962 gelang IBM die Übertragung von Kommandos einer IBM 1401 Datenverarbeitungseinheit in Endicott, New York nach La Gaude in Frankreich. Eine IBM 1009 Datenübermittlungseinheit konvertierte dazu zunächst den Maschinen-​Binärcode, bevor dieser nochmals umgewandelt wurde, diesmal in ein Audiosignal. Dieses wurde dann von Telstar übermittelt, in mehreren Stufen zurückverwandelt, auf Übertragungsfehler geprüft und wieder eingelesen. Das Verfahren war aufwendig aber praktikabel.
Obwohl Telstar I also nur wenige Monate praktisch genutzt werden konnte, demonstrierte er in dieser Zeit bereits eine Vielzahl von praktischen Anwendungsfeldern heutiger Kommunikationssatelliten. Das galt auch für seinen im Mai 1963 gestarteten Nachfolger Telstar II. Für diesen stand mit der Delta B bereits eine leistungsfähigere Trägerrakete zur Verfügung, was es ermöglichte, den Satelliten auf eine Bahn mit einem fast doppelt so hohen Apogäum zu bringen. Das verlängerte einerseits die Sichtbarkeit über dem Horizont bei transatlantischen Verbindungen und verkürzte andererseits die Zeit, während der sich der Satellit innerhalb der van-​Allen Strahlungsgürtel aufhielt. Außerdem hatten die Bell Ingenieure spezielle Transistoren entwickelt, deren Gehäuse extra evakuiert wurde, um der bei Telstar I beobachteten Ionisierung vorzubeugen. Aufgrund des Interesses der Wissenschaftler insbesondere an den von Telstar übermittelten Strahlungsmeßwerten wurde deren Übertragung nun auf den Mikrowellensender gelegt. Damit war ein Datenempfang auch noch gewährleistet, als ein Zeitschaltwerk nach zwei Jahren planmäßig den VHF-​Sender deaktiviert hatte. Nachhaltig in Erinnerung blieben von Telstar II vor allem die ersten experimentellen Farbfernseh-​Übertragungen.
Auch wenn sich 1963/64 dank der Syncom Serie bereits der erwartete Erfolg geostationärer Kommunikationssatelliten abzuzeichnen begann, wuchs für Telstar II und die beiden Relay Satelliten das Netz der verfügbaren Bodenstationen. Noch 1963 gingen im italienischen Fucino (L’Aquila) und im bayerischen Raisting zwei Anlagen in Betrieb. Allerdings noch nicht mit den großen stationären Parabolantennen, die dort geplant waren. In Raisting hatte vielmehr im Sommer eine von der International Telephone and Telegraph Corporation (ITT) bezogene mobile Station Position bezogen. Am 23.10.1963 nahm sie den Betrieb auf. Die Kapazität: maximal 12 simultane Gesprächskanäle! Ähnlich war die Situation in der italienischen Versuchsstation, die über Jahre hinweg schließlich doch noch zu einer der weltweit größten derartigen Installationen wuchs.

Das gewaltige Investment und frühzeitige Engagement für die Satellitentechnik brachten dem AT&T Konzern und den Bell Labs keinen wirtschaftlichen Erfolg. Zwischen 1960 und 1962 hatte annähernd ein Drittel der Belegschaft von Bell für das Telstar Projekt gearbeitet. Doch der Communications Satellite Act von 1962 schloß den Konzern von einer Kommerzialisierung seines Satellitengeschäfts praktisch aus. AT&T und Bell zogen sich daher aus diesem Bereich für Jahrzehnte zurück. Immerhin profitierten die Bell Telephone Laboratories Inc. enorm von der Publicity, die ihnen das Telstar Projekt verschaffte. Ebensowenig wie AT&T/Bell konnte Konkurrent RCA aus seinem Engagement Gewinn ziehen. Nutznießer des Communications Satellite Act waren die COMSAT Corporation und ihr Hauptlieferant Hughes, die nun ihrerseits ein jahrzehntelanges Monopol für die Satellitenkommunikation errichteten.
Auch wenn das einst geplante globale Telstar Satellitennetzwerk so nie realisiert wurde, wirkt die Idee doch bis heute fort. Viele der Entwicklungen für das Telstar Projekt fanden Eingang in die nachfolgenden Programme. Bis auf wenige Ausnahmen existieren die damals errichteten Bodenstationen auch heute noch. Und auch das Konzept von Kommunikationssatelliten auf mittleren Bahnhöhen feierte in den 1990er Jahren eine späte Auferstehung. Heute werden Telemetriedaten, Sprach– und Videoinformationen über diese Netze (Globalstar, Iridium, Orbcomm) übertragen. Telstars Erbe lebt!

[1] korrekt eigentlich der erste aktive „Repeater“-Satellit; bereits 1960 hatte der US Army Satellit Courier IB die Fähigkeit demonstriert, Nachrichten zu empfangen, zwischenzuspeichern und wieder abzuspielen

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Kennedy Ansprache über und zu Telstar A Day in History: Telstar Telstar! (AT&T Archiv)
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