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Dienstag,

15.07.1969

Ähnlich wie die USAF studierten auch die sowjetischen Luftstreitkräfte in den 1960er Jahren die Idee eines „Abfangjägers“ für Einsätze im erdnahen Kosmos. Überhaupt war der Einsatz eines geflügelten Raumschiffs ursprünglich nur zugunsten einer einfachen Kapsel „zurückgestellt“ worden, da diese schneller zu realisieren war. Trotz der mit so einem Projekt verbundenen gewaltigen Herausforderungen wurden die Arbeiten daran in der Sowjetunion über mehr als 15 Jahre fortgeführt, auch wenn es kaum finanzielle Mittel für das „Spiral“ Programm gab. Das Interesse des Militärs reichte aber immerhin aus, einige Testmodelle bauen und sogar auf ballistischen Flügen erproben zu können. Als Ende der 1970er Jahre der Bau einer großen bemannten Raumfähre analog des US Space Shuttle beschlossen wurde, konnte man so für die orbitalen und suborbitalen Testflüge des BOR-​4 Modells auf die früheren Erfahrungen zurückgreifen. Der erste Flug des einfachen BOR-​1 Modells hatte mit dem späteren BOR-​4 allerding noch wenig gemein. Der etwa 3 m lange und 715 kg schwere Apparat bestand größtenteils aus Holz, Stahl und faserverstärktem Kunststoff. Er wurde am 15.07.1969 mit einer Variante der R-​12 8K63 (SS-​12) Mittelstreckenrakete, der 8K63B, vom Startkomplex „Amur“ in Kapustin Jar gestartet. Ziel war es, erste generelle Erfahrungen mit einem nach dem „Lifting Body“ Design ausgelegten Flugkörper zu gewinnen, bei dem der Auftrieb nicht (nur) durch die Tragflächen, sondern vor allem durch einen speziell geformten Rumpf erzeugt wird. Eigene Daten gab es bis dahin dazu in der Sowjeunion nicht. Und auch die Erfahrungen der NASA mit dem Konzept waren noch sehr widersprüchlich. Bevor man also weiter in die Entwicklung investierte, mußten die Aerodynamiker ihre Idee verteidigen. Das für Bodentests genutzte Modell des Flugforschungsinstituts LII (Лётно-​исследовательский институт) wurde daher für einen ballistischen Flug hergerichtet, der die Möglichkeit bot, neben dem Flugverhalten weitere technische Aspekte unter realistischen Bedingungen zu erproben. Tatsächlich gelangen die Trennung von der Rakete, das Ausklappen der Flügel und der kontrollierte Abstieg programmgemäß. Die Rakete hatte ihre Nutzlast bis auf 90 km Höhe befördert. BOR-​1 stieg auf der ballistischen Bahn noch weiter auf, bevor der Abstieg durch die Atmosphäre bekann. Wie die Telemetrie bestätigte, blieb der Flugkörper bei Anstellwinkeln bis jenseits von 60° stabil. Erwartungsgemäß verbrannte die Konstruktion in 70 bis 70 km Höhe in der Atmosphäre. Bis dahin hatte die simple Konstruktion jedoch viele aufschlußreiche Daten geliefert, die unbedingt eine Fortführung des Programms rechtfertigten.