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Dienstag,

15.07.1975

Mitten im Kalten Krieg und nur wenige Jahre nach dem von der Sowjetunion verlorenen „Wettlauf zum Mond“ fand im Sommer 1975 ein erstaunliches sowjetisch-​amerikanisches Raumfahrtunternehmen statt. Seit 1969 gab es Gespräche über gemeinsame bemannte Raumflüge. Einige Vorschläge auf höchster politischer Ebene fielen eher unter die Rubrik politische Propaganda (z.B. gemeinsamer Mondflug). Doch letztlich wurde die Idee ernsthaft aufgegriffen. Zwar wurden Vorschläge für bemannte Raumflüge zur Skylab– bzw. Saljut-​Raumstation mit dem Raumschiff des jeweiligen Partners als zu ambitioniert vorläufig zurückgestellt. Doch die Idee eines Kopplungsmanövers zwischen Raumschiffen beider Nationen hatte Bestand. Im Oktober 1970 wurde eine binationale Arbeitsgruppe eingesetzt und im Mai 1972 das Abkommen unterschrieben, das die (erste) gemeinsame Mission für 1975 terminierte. Erstmals kam so in größerem Maßstab ein Austausch von Technikern, Wissenschaftlern und Astronauten/​Kosmonauten zwischen den USA und der Sowjetunion in Gang. Schließlich konnte — federführend von sowjetischen Experten — ein neuartiger androgyner Kopplungsadapter entwickelt werden, dessen Luftschleuse für eine Verbindung der beiden konstruktiv so unterschiedlichen Raumfahrzeuge sorgte. Er stellte u.a. elektrische und Sprechverbindungen zwischen den Raumschiffen her, fungierte aber vor allem als Luftschleuse. Denn beide Raumschiffe hatten eine grundverschiedene Atmosphäre in der Kabine. Die Sojus fliegt seit jeher mit einer Gasmischung, die der der irdischen Atmosphäre sehr ähnelt und das bei einem Druck, wie er auf der Erdoberfläche herrscht. Apollo verwendete dagegen eine reine Sauerstoffatmosphäre bei einem Drittel des irdischen Drucks. Um also Effekte ähnlich denen der gefürchteten Taucherkrankheit zu vermeiden, mußten die Mannschaften durch die Dekompression in der Luftschleuse.
Nach mehreren unbemannten und bemannten sowjetischen Erprobungsflügen startete schließlich am 15.07.1975 um 12:20 UTC von Baikonur eine Sojus-​U 11A511U mit dem Raumschiff Sojus 19. An Bord befanden sich Kommandant Alexej Leonow und Bordingenieur Waleri Kubassow. Während Kubassow als ausgewiesener Kopplungsexperte galt, war Leonow ein sehr populärer Held aus den Anfängen der sowjetischen Raumfahrt. Er hatte das erste Außenbordmanöver der Raumfahrtgeschichte unternommen und dabei große Kaltblütigkeit gezeigt. Beide hatten auch in den USA mit ihren amerikanischen Kollegen intensiv trainiert und für den Raumflug Englisch gelernt. Denn die Mannschaften sollten die Kommunikation untereinander in der Sprache des jeweiligen Partners abwickeln. Nach anfänglicher Zurückhaltung beider Seiten trug auch diese Idee dazu bei, ein besseres, auch kulturelles, Verständnis des Partners zu erreichen. Überhaupt wurden damals viele Prozeduren erarbeitet, die auch heute im ISS Programm noch Bestand haben. Zeichen einer neuen Offenheit und des gewachsenen Selbstvertrauens war auch die Live-​Übertragung des Starts nicht nur im sowjetischen Fernsehen, sondern auch in die USA sowie nach Ost– und Westeuropa. Nachdem alle Systeme zeigten, daß Sojus 19 die vorgesehene Umlaufbahn in einwandfreiem Zustand korrekt erreicht hatte, lief in Cape Canaveral die letzte Phase des Countdowns zum Start von Apollo 18 an. Während des dritten Orbits nahm die Sojus Besatzung erstmals Kontakt zum MCC (Mission Control Center) in Houston auf. Und am 16.07.1975 unternahm Sojus 19 das letzte von zwei Bahnmanövern, die den Orbit zur Vorbereitung des Rendezvous in 229 km Höhe zirkularisierten.