Information
Dienstag,

28.01.1986

Ein Novum in der Geschichte des US Raumfahrtprogramms stellte die Mitnahme eines Passagiers beim 25. Flug des US Space Shuttle dar. Trotz der immer wieder auftretenden Probleme und Verzögerungen hatte das Shuttle-​Programm mittlerweile einen Grad von Routine erreicht, der die Teilnahme von Personen zuließ, die nicht ein komplettes Astronautentraining absolviert hatten. Zwar handelte es sich auch jetzt schon bei den Nutzlastspezialisten eher um mitfliegende Wissenschaftler als um echte Astronauten nach bisherigem Verständnis. Und unter ihnen hatten sich noch dazu zwei Politiker befunden, die nur ein minimales Training absolviert hatten. Doch jetzt sollte mit Christa McAuliffe erstmals eine Lehrerin ins All fliegen und von dort bei mehreren Übertragungen Unterrichtsprogramme übermitteln. 11.500 Bewerber hatten sich bei der NASA für das Teacher in Space Programm gemeldet. Nach einem Jahr Training stand das von der Offentlichkeit mit großem Interesse verfolgte Unternehmen Anfang 1986 unmittelbar bevor. Angesichts eines dicht gepackten Flugplans für 1986 mit einigen Wissenschaftsmissionen, die keinen Aufschub duldeten, stand die NASA bereits zu Beginn des Jahres unter großem Druck. Das öffentliche Interesse an dieser Mission verschärfte die Situation nur noch. Und dann gelang der Start der „Columbia“ zur vorhergehenden Mission erst mit einer Woche Verzögerung. Das führte ebenso zu einer verspäteten Aufnahme des Countdowns für die Mission STS 51-​L, wie die Landung der „Columbia“ mit zwei Tagen Verzögerung (wegen schlechten Wetters). Ein erster Startversuch mit der „Challenger“ mußte am 27.01.1986 abgebrochen werden, als sich ein Griff nicht mehr von der Außenseite der Shuttle Einstiegsluke trennen ließ und sich das Wetter zusehends verschlechterte. Nur zehn Tage nach der Landung der Raumfähre „Columbia“ hob die „Challenger“ F-​10 am 28.01.1986 dann doch von Cape Canaveral ab. Erstmals erfolgte der Start eines Space Shuttle von Pad 39B, der nun im Wechsel mit Pad 39A die hohe Startfrequenz ermöglichen sollte. Als die Mission STS 51-​L um 14:38 UTC begann, waren neben dem üblichen Publikum auch zahlreiche Verwandte, Freunde, Kollegen und Schüler von McAuliffe anwesend. Sie erlebten bei eisigen Temperaturen einen perfekten Start in den blauen Himmel über Florida. Im Cockpit verteilt auf zwei Ebenen saßen neben McAuliffe Kommandant Francis Scobee, Pilot Michael Smith, die Missionsspezialisten Judith Resnik, Ronald McNair und Ellison Onizuka sowie der Nutzlastspezialist Gregory Jarvis. Sie sollten sich mit umfangreichen Beobachtungen des Kometen Halley beschäftigen, wozu sich in der Nutzlastbucht die Freiflugplattform SPARTAN befand, und den Datenrelais-​Satelliten TDRS-​B aussetzen. Die Besatzung erwartete während der auf sechs Tage angelegten Mission ein straffes Programm. Besonders öffentlichkeitswirksam angelegt waren die „Unterrichtsstunden“, die McAuliffe aus dem Orbit übertragen sollte. Doch alles sollte anders kommen. Nach 73 s Flug sahen die ungläubigen Menschen auf den Tribünen ebenso wie die Techniker im Kontrollzentrum die „Challenger“ in einer gewaltigen Explosionswolke verschwinden. Aus ihr schossen die beiden wild taumelnden Feststoffbooster heraus, gefolgt von einem Regen großer und kleiner Trümmerstücke. Die „Challenger“ war explodiert! Das war jedenfalls der erste Anschein. Obwohl unmittelbar darauf Rettungskräfte in Marsch gesetzt wurden, war Eingeweihten doch klar, daß niemand diese Katastrophe überlebt haben konnte. Minutenlange regneten Trümmer aus 16.000 m Höhe auf das Meer herab. Der live im Fernsehen übertragene Fehlstart versetzte die ganze amerikanische Nation in einen Schock. Menschen in aller Welt sahen fassungslos die Fernsehbilder. Nach dem Unglück verhängte die NASA unmittelbar ein Startverbot für die verbliebenen Shuttles und wenig später wurde eine hochkarätige Untersuchungskommission eingesetzt. Aus dem Meer vor Cape Canaveral bargen die Bergungsmannschaften mit Schiffen, Amphibienfahrzeugen und Tauchrobotern unterdessen Unmengen an Trümmern — aber auch die sterblichen Überreste der Mannschaft. Nun konnte man mit der Rekonstruktion des Unglücksverlaufs beginnen. Und diese Untersuchung deckte ein unglaubliches Gemenge an technischen Problemen — teils seit Jahren bekannt — und Fehlentscheidungen auf Managementebene auf. Wie sich zeigte, war es auch diesmal wieder zum Austritt von extrem heißen Verbrennungsgasen am Übergang zwischen zwei Boostersegmenten gekommen. Wie bei der Mehrzahl der vorangegangenen Shuttle Flüge auch. Nur lagen diesmal die Temperaturen extrem niedrig. Und das nicht nur am Starttag, sondern schon in der Nacht zuvor. Somit verloren die Gummidichtungen das entscheidende Maß an Flexibilität, das bisher stets ernste Konsequenzen verhindert hatte. Diesmal brannten die heißen Gase ein Loch in das Boostergehäuse und beschädigten die Verstrebung, die den Booster mit dem Gesamtsystem verband, sowie den Wasserstofftank. Der rechte Booster riß nun bei vollem Schub unten ab, schwang um die vordere Aufhängung herum und bohrte sich in den Außentank im Bereich der Sauerstoffvorräte. Nun überstürzten sich innerhalb von Millisekunden die Ereignisse. Zwar überstand die „Challenger“ die folgende Explosion des Sauerstoff-​Wasserstoff Gasgemischs noch relativ unbeschadet. Doch wirkten dabei gewaltige Kräfte auf den Orbiter, der zudem bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit aus der Bahn geworfen wurde. Dem war die „Challenger“ nicht gewachsen. Die Struktur des Orbiters versagte. Zu den größten Trümmerteilen, deren Absturz auf den Fernsehbildern zu erkennen war, gehörte die massive Besatzungskabine. Die traumatische „Challenger-​Katastrophe“ führte zu einer umfassenden Revision der US Raumfahrtstrategie und einer mehr als zweieinhalbjährigen Unterbrechung aller bemannten Raumfahrtaktivitäten der NASA.

zurück