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Freitag,

15.05.1987

Wenige Tage nach dem Besuch des sowjetischen Staats– und Parteichefs Michail S. Gorbatschow in Baikonur (11.-13.05.1987) — bei dem dieser die Einstellung der Entwicklung eigener kosmischer Waffensysteme als Antwort auf das amerikanische SDI Programm bekräftigt hatte — stand eines der größten sowjetischen Raumfahrtprojekte am 15.05.1987 vor dem entscheidenden Test. Nach dem Ende des N1-L3 11A52 Programms war schon bald mit der Entwicklung einer neuen Schwerlastrakete begonnen worden. Primär war die Energija 11K25 als Träger für die Raumfähre „Buran“ vorgesehen, konnte aber auch großvolumige Nutzlastcontainer mit anderen Nutzlasten transportieren. Anfang der 1980er Jahre lag das Entwicklungsprogramm für Rakete und Raumfähre aber bereits Monate hinter dem Zeitplan zurück. Bis Januar 1986 war die Verzögerung auf drei Jahre angewachsen. Die Raumfähre würde noch Jahre bis zur Fertigstellung brauchen. Zudem waren die Kosten für das Projekt enorm angestiegen. Das geplante Erprobungsprogramm würde daher sicher gestrafft werden. 1986 fanden dann immerhin mehrere Testläufe mit der Energija statt. Als Nutzlast für den Jungfernflug wurde der Demonstrator einer weltraumgestützten Waffenplattform gewählt. Im Sommer 1985 war der Auftrag zur Entwicklung eines funktionsfähigen Modells eines solchen Satelliten erteilt worden. Obwohl normalerweise ein solches Projekt fünf Jahre zur Realisierung benötigte, gewährte das zuständige Ministerium gerade eben eine Frist von einem Jahr für die 100 Tonnen Nutzlast. Zu diesem Zeitpunkt existierten lediglich einige Zeichnungen für das Projekt Skif-​D. Man beschloß, daraus eine Attrappe zu bauen und diese mit dem Testartikel eines TKS Raumschiffs zu verbinden. Dieser verfügte über einen Bordcomputer, eine funktionierende Energieversorgung und einen Antrieb sowie eine Dockingadapter. In der Nutzlastattrappe wurden eine Abwehrbewaffnung gegen Antisatelliten-​Waffen, ein Radar und zahlreiche Experimente installiert, die der Entwicklung kosmischer Waffen dienen konnten. Das gesamte Projekt verstand sich als Antwort auf das amerikanische SDI Programm. Als jedoch Gorbatschow am 11.03.1985 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, verfügte dieser schon bald einen Stop der Entwicklung von Weltraumwaffen. Er setzte eher auf Abrüstungsverhandlungen mit den USA und nötigenfalls eine asymmetrische militärische Antwort. Das nunmehr Skif-​DM (Erzeugnis 17F19DM) genannte Projekt wurde dessen ungeachtet fortgeführt, auch wenn Gorbatschow ausdrücklich einen Test der Möglichkeiten des Satelliten verboten hatte, welcher von den USA als Erprobung neuer Waffen gewertet werden konnte. Der Start des nun offiziell „Poljus“ genannten Satelliten wurde schließlich für den 11.05.1987 angesetzt, den ersten Tag von Gorbatschows Besuch in Baikonur. Doch technische Probleme erzwangen eine Verschiebung auf den 15.05.1987. Auch an diesem Tag verlief der Countdown nicht reibungslos. Doch das war für solch ein komplexes System auch nicht ungewöhnlich. Schließlich hob die Rakete reibungslos von dem extra für sie errichteten universellen Test– und Startkomplex in Baikonur ab. Zwar wurden beim Aufstieg einige Abweichungen registriert, diese lagen aber innerhalb beherrschbarer Grenzen. Dann wurde die Nutzlast, die vor dem Start noch zur Tarnung den Schriftzug Mir 2 erhalten hatte, abgetrennt und begann ein komplexes Manöver. Konstruktiv bedingt und um die aerodynamische Belastung für die Nutzlastsektion in Grenzen zu halten, flog Poljus nämlich mit dem FGB Antriebmodul voran auf dem Rücken der Energija. Daher war nun ein Überschlag um 180° sowie eine Drehung um 90° erforderlich. Das Manöver wurde korrekt eingeleitet. Doch stoppte der Überschlag aufgrund eines Sensorfehlers nicht bei 180°. Stattdessen zündete der Antrieb, der den Einschuß in den Orbit besorgen sollte, erst nach einem 360° Dreh. Damit wurde Poljus direkt in Richtung Pazifik beschleunigt. Der mit 80 Tonnen schwerste bis heute gebaute Satellit wurde in der Presse als Testnutzlast zur Qualifizierung der Trägerrakete umgedeutet. Weltweit war das Interesse an der neuen „Superrakete“ ohnehin weitaus größer, als an ihrer Nutzlast. Dennoch bleiben viele Details zu Poljus auch heute noch geheimnisvoll. Welche funktionierenden Systeme sich für die Mission tatsächlich an Bord befanden und inwieweit doch militärische Experimente vorgesehen waren, ist unter Experten umstritten. Details unterliegen noch immer der militärischen Geheimhaltung.