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Donnerstag,

18.12.2014

Eine beachtliche Demonstration ihrer gewachsenen Fähigkeiten lieferte die indische Raumfahrtorganisation ISRO am 18.12.2014 ab. Nach fortwährenden Verzögerungen bis zur Ansetzung des offiziellen Starttermins hob die neueste indische Trägerrakete GSLV Mk.3 alias LVM3 an diesem Tag von Sriharikota zu einem ballistischen Testflug ab. Während die mit einem russischen Oberstufentriebwerk ausgerüstete GSLV Mk.1 nach über einem Jahrzehnt Erprobung ebensowenig die Serienreife erreicht hatte wie die mit einem selbst entwickelten Triebwerk ausgestattete GSLV Mk.2, gelang der Jungfernflug der GSLV Mk.3 — praktisch einer kompletten Neuentwicklung — im ersten Anlauf. Allerdings flog die Rakete lediglich mit der Attrappe der C25 Oberstufe mit ihrem neuen CE-​20 Kryotriebwerk. Doch auch so gab es genug Systeme zu erproben. So erlebten die beiden Feststoffbooster S200 ihren ersten Einsatz. Und diese zählten (nach Space Shuttle, Titan-​IV, Ariane-​5 und Titan-​34D) zu den größten der Welt. Gegenüber den bisher eingesetzten indischen Feststofftriebwerken bedeuteten sie einen Quantensprung und verfügten erstmals über schwenkbare „flex seal“ Triebwerksdüsen. Für die L110 Zentralstufe konnte man hingegen zwar auf das seit Jahrzehnten bewährte „Vikas“ Triebwerk zurückgreifen. Doch wurde die Brenndauer nochmals deutlich verlängert und erstmals setzte die ISRO zwei der Triebwerke als Einheit ein.
Der ballistische Erprobungsflug bot der ISRO die einmalige Gelegenheit, den Prototypen der Wiedereintrittskapsel des geplanten bemannten Raumschiffs zu erproben. Dieses Programm war zwar jüngst in seiner Priorität deutlich zurückgefahren und die Finanzierung reduziert worden. Dennoch hielt Indien an der Idee fest, es seinem großen regionalen Rivalen China gleichzutun, und aus eigener Kraft ein bemanntes Raumfahrtprogramm umzusetzen. Für diese Mission stellte die ISRO ein 1:1 Strukturmodell der Kapsel her, das weder über eine Druckkabine noch nennenswerte Systeme eines echten Raumschiffs verfügte. Zahlreiche Sensoren, ein vereinfachtes Avionik-​System und Batterien zur Energieversorgung waren installiert. Der Hitzeschild von CARE (Crew Module Atmospheric Re-​entry Experiment) entsprach technologisch hingegen schon dem endgültigen Entwicklungsstand. Auf ein Strukturmodell des Service-​Moduls hatte man für den Test verzichtet und stattdessen die Kapsel „kopfüber“ auf der C25 Oberstufenattrappe montiert. Dadurch konnte auf eine Reorientierung der Kapsel vor dem Wiedereintritt verzichtet werden. Bei den ISRO Verantwortlichen und den in Sriharikota anwesenden Politikern herrschte nach dem geglückten Start große Erleichterung, auch wenn es zwischenzeitlich erkennbare Abweichungen von den vorausberechneten Bahnwerten gegeben hatte. Die Flüssigkeitszweitstufe kompensierte gegen Ende ihrer angetriebenen Flugphase die Abweichungen aber fast 100%ig. Und auch der Flug von CARE verlief erfreulich. Die Kapsel stabilisierte sich wie vorgesehen und ging nach 20:43 min und rund 1.600 km Flug an ihren beiden Fallschirmen hängend sicher in der Andamanen-​See nieder. Sowohl die Triebwerke zur Stabilisierung und Orientierung der Kapsel in der Freiflugphase als auch das dreistufige Fallschirmsystem hatten wie geplant gearbeitet. Auch der ablative Hitzeschild erfüllte die Erwartungen. Als das Küstenwachschiff „Samudra Paheredar“ die Kapsel barg, zeigte sie sich in ausgezeichnetem Zustand. Mit diesem Start hatte die ISRO gleich zwei ihrer großen Programme bedeutend voran gebracht, was auch international Beachtung fand.