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Aufrichten der Rakete für Sojus 9
Die Sojus 9 Besatzung: A. Nikolajew (vorn) und W. Sewastjanow
die gelandete Sojus 9 Kapsel

Das Ende der 1960er Jahre brachte in der Sowjetunion das Aus für zahlreiche bemannte Raumfahrtprojekte, darunter neben dem Mondprogramm der Sojus-​VI Komplex, eine kleine militärische Raumstation samt Zubringerraumschiff. Anfang 1970 wurde dann auch noch das militärische Raumstationsprogramm „Almaz“ zugunsten des zivilen DOS („Saljut“) Programms gestoppt. Damit stand die Sowjetunion aber 1970 ohne einen Plan für bemannte Raumflüge da. Gleichzeitig kündigte sich für den April der 100. Geburtstag des sowjetischen Staatsgründers Wladimir I. Lenin an, ein Ereignis, zu dem eine aufsehenerregende Raumfahrtmission geradezu Pflicht war. Wassili P. Mischin plante daher eine Kopplungsmission von zwei Sojus 7 K-​OK Raumschiffen mit dem „Kontakt“ Rendezvous-​System aus dem Mondprogramm. Wobei unklar ist, welche aufsehenerregenden Experimente damit verbunden werden sollten. Als zur Jahreswende 1969/70 unübersehbar wurde, daß das System nicht rechtzeitig einsatzbereit sein konnte, erarbeitete Mischin Alternativen. Eine davon sah den 20 Tage Flug von zwei Kosmonauten an Bord eines Sojus 7 K-​OK Raumschiffs vor, was der Sowjetunion den Flugzeitweltrekord eingebracht hätte. Doch das Training der Kosmonauten für den Flug und auch technische Probleme mit dem Raumschiff verzögerten den Start über den April hinaus. Erst am 01.06.1970 um 19:00 UTC hob die Sojus 11A511 Rakete mit Sojus 9 von Baikonur ab. Nach zwei Bahnmanövern, bei denen wohl auch der neue Sojus Bordcomputer für ein simuliertes Rendezvous genutzt wurde, befand sich Sojus 9 auf einer Bahn, die für etwa drei Wochen einen Umlauf ohne weitere Manöver garantierte. Der Wostok-​erfahrene Kommandant Andrijan Nikolajew und sein Bordingenieur Witali Sewastjanow kämpften an den ersten Tagen mit Problemen im Energieversorgungssystem, als die Solarzellen begannen, die Pufferbatterien zu überladen. Nur das wiederholte Abschalten der Solarzellen verhinderte den Flugabbruch. Schließlich konnten sich die Kosmonauten aber doch ihren Experimenten widmen. Neue Sensoren übertrugen ständig biomedizinische Meßwerte von ihnen. Außerdem beschäftigten sich die beiden Kosmonauten mit der fotografischen Erderkundung, meteorologischen und astronomischen Beobachtungen und betreuten pflanzliche und tierische Proben. Insgesamt 50 Experimente standen auf dem Programm. Um die Besatzung physisch wie psychisch in guter Verfassung zu halten, befanden sich in der Sojus Orbitalsektion einfache Trainingsgeräte sowie der „Pinguin“ Belastungsanzug. Die Lebensmittel­rationen boten mehr Abwechslung und die Gerichte ließen sich erstmals erhitzen. Außerdem konnten die Kosmonauten sich so „ihren Frühstückskaffee kochen“, wie damals angemerkt wurde. Dennoch beobachteten die Mediziner am Boden besorgt das Nachlassen der Leistungsfähigkeit beider Kosmonauten. Sie tranken deutlich zu wenig und ihre Konzentration und Reaktion ließ nach. Dennoch wurde der Flug auf Drängen Mischins von zunächst geplanten 17 auf 18 Tage verlängert. Als die Bergungsmannschaften bei der nach 424:59 h am 19.06.1970 um 11:59 UTC gelandeten Kapsel ankamen, waren die Kosmonauten nicht in der Lage die Luke zu öffnen oder gar aus eigener Kraft die Kapsel zu verlassen. Ihr Zustand war so schlecht, daß eine Pressekonferenz unmöglich war. Stattdessen wurden Nikolajew und Sewastjanow ins Krankenhaus überführt. Erst nach 14 Tagen verschwanden die letzten Zeichen ihrer Strapazen. Der unerwartet schlechte Zustand der Kosmonauten warf natürlich Fragen hinsichtlich des geplanten Betriebs von Raumstationen auf. Doch bald zeichnete sich ab, daß der physische und psychische Abbau der Kosmonauten maßgeblich aus der permanenten Rotation herrührte, in der sich Sojus 9 zur Stabilisierung befunden hatte. Und die Mission hatte eine Fülle, nicht nur raumfahrtmedizinischer, Ergebnisse erbracht, die sich teils als wegweisend für die kommende Ausrichtung des bemannten sowjetischen Raumfahrtprogramms erweisen sollten.
Für außenstehende Beobachter erfolgte mit dem Flug von Sojus 9 endgültig die Ausrichtung des Sojus Programms auf bemannte Langzeitmissionen und Zubringerflüge zu Raumstationen im Erdorbit. Eine derartige klare Strategie verfolgte die Sowjetunion damals jedoch noch keinesfalls. Dennoch bedeutete diese Mission ein wirkliches wissenschaftliches Langzeitunternehmen. Mit einer Flugdauer von über 17 Tagen stellte der Flug alle bis dahin erfolgten Langzeitmissionen deutlich in den Schatten und bereitete direkt mehrwöchige Aufenthalte von Kosmonauten an Bord von Raumstationen vor. Die Mission zeigte insgesamt aber auch, daß bei Langzeitmissionen noch mehr Vorkehrungen gegen den eintretenden Muskelschwund getroffen werden mußten. Technologisch bedeutsam war besonders der Nachweis, daß das Sojus Raumschiff über mehr als zwei Wochen voll funktions– und auch manövrierfähig blieb.
Im Ausland erfuhr der Flug vergleichsweise große Aufmerksamkeit. Das lag auch daran, daß die sowjetischen Nachrichtenagenturen und Inlandsmedien ungewohnt umfangreich berichteten. So wurden zahlreiche Fotos vom Training der Kosmonauten, der Rakete und ihrem Raumschiff veröffentlicht. Während des Fluges gab es Fernseh-​Direktübertragungen. Und im Anschluß an den Flug entstanden gleich mehrere Dokumentarfilme.
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