Delta 900 

Trägerrakete

Delta 900
Delta 900 
Das Jahr 1972 markierte eine Wende im Entwicklungsprogramm der Delta Rakete. Bis dahin hatte die NASA überwiegend von Weiterentwicklungen profitiert, die von (oder gemeinsam mit) der USAF für die Thor-​Agena Reihe begonnen worden waren. Doch mit dem Ende des CORONA Programms endeten 1972 auch die Starts der Thorad-​SLV2 H Agena-​D. Zwar versuchte die NASA noch einige Zeit, sich die Option auf die Nutzung der vor allem für Missionen auf mittlere Bahnhöhen bewährten Thorad-​Agena aufrechtzuerhalten. Tatasächlich übernahm die Delta aber nun auch diese Nutzlasten. Die schon damals spürbar zunehmende Zahl von Nutzlasten für den geostationären Orbit (deren Start die NASA auch für kommerzielle Betreiber gegen Kostenerstattung übernahm) trieb die Entwicklung leistungsstärkerer Modelle an. Um den stetig steigenden Massen der Nutzlasten gerecht zu werden, modifizierte man zunächst die 1968 eingeführte Long Tank Thor Erststufe. Diese wurde strukturell so verstärkt und thermisch isoliert, daß sie nun mit bis zu neun Castor II Feststoffboostern ausgerüstet werden konnte. Erstmals erprobte man diese, weiterhin mit einem Rocketdyne MB-​III-​3  RJ-​1/LOX Triebwerk angetriebene, Modifikation im März 1972 bei einer (mit nur drei Boostern ausgestatteten) Delta-​N. Regulär geplant war der Einsatz der DSV-​2 L-​1 C mit dem Universat Boot Tail aber erst bei den neuen Serien Delta 300 und Delta 900. Gemeinsam hatten diese beiden Baureihen auch den Einsatz eines neuen Antriebs in der Zweitstufe. Die Aerojet AJ10-​118 F Variante des seit zehn Jahren eingesetzten Triebwerks war vom AJ10-​138  der Transtage Oberstufe der Titan-​III abgeleitet worden. Es bot bei allerdings etwas verringerter Brenndauer insgesamt bessere Kennwerte (höherer Schub, größerer Brennkammerdruck, besserer spezifischer Impuls) und verbrannte nun Aerozine 50 mit NO statt wie bisher Salpetersäure mit UDMH. Helium-​Druckgas übernahm die Treibstofförderung. Für den neuen Einsatzzweck wurde das Triebwerk so angepaßt, daß es von den bisher in der Stufe eingesetzten Aktuatoren geschwenkt werden konnte. Den Platzverhältnissen geschuldet war eine Verringerung des Entspannungsverhältnisses in der Düsenerweiterung von 40:1 auf 26:1. Die Grundstruktur der mit einem gemeinsamen Dom ausgelegten Treibstofftanks konnte beibehalten werden, die Aufteilung mußte aber den geänderten Mischungsverhältnissen angepaßt werden. Acht starr montierte Kaltgas (Stickstoff) Düsen sorgten für die Roll-​Kontrolle der Stufe (nach Brennschluß auch für die Nick– und Gierstabilisierung). Die Stickstoff– und Energievorräte waren auf eine Missionsdauer von gut zwei Stunden ausgelegt. Sowohl der Gewichtsersparnis als auch der Steigerung der Bahneinschußgenauigkeit diente die Einführung des Delta Inertial Guidance System (DIGS). Statt des bisher verwendeten, auf Korrektureingaben von stationären Bahnverfolgungsradars angewiesenen, Trägheitsnavigationssystems in Erst– und Zweitstufe kam nun eine Hamilton Standard Inertial Measurement Unit (IMU) — abgeleitet aus dem System des Apollo Lunar Module — zum Einsatz. Kombiniert wurde diese mit einem digitalen Teledyne Bordcomputer, der wiederum auf demjenigen der Centaur Oberstufe basierte. Drei Gyroskope und ebensoviele Beschleunigungssensoren lieferten die Referenzdaten für das DIGS. Als dritte Stufe waren die Modelle Thiokol TE-​M-​364 – 3  (Star-​37D) oder die gestreckte TE-​M-​364 – 4  (Star-​37 E) vorgesehen. Tatsächlich überholte die Entwicklung bei den geostationären Nutzlasten aber die Planer. Die Delta Raketen der Serien 300 und 900, ohnehin nur als Übergangslösung bis zur Einführung der Extended Long Tank Thor Erststufe geplant, flogen de facto nur in zweistufiger Ausführung. Zweimal kam dabei, erfolgreich, die Delta 900 zum Einsatz. Deren neun Booster wurden in zwei Gruppen gezündet: sechs direkt beim Start, drei bei deren Brennschluß 39 s später. Alle neun wurden gemeinsam abgetrennt.

 
Gesamtsystem
Nation USA 
Bezeichnung(en) Delta 1913 
Entwicklungszeitraum 1969 – 1972 
erster Start 23.07.1972 
Einsatzzeitraum 1972 
Stufenzahl 2 + 9 Feststoffbooster 
Gesamthöhe ca. 32,4 m 
Basisdurchmesser 2,44 m 
max. Nutzmasse ca. 1.725 kg auf 370 km Kreisbahn @ 28°
ca. 1.020 kg auf 925 km Kreisbahn @ 99°
Leermasse
Treibstoffmasse
Startmasse ca. 113.400 kg 
Startschub
Feststoff-​Starthilfen
Hersteller Thiokol 
Bezeichnung(en) 9 Feststoffbooster „Castor II“ 
Länge 7,32 m 
Durchmesser 0,79 m 
Leermasse
Treibstoffmasse
Gesamtmasse
Antrieb je 1 Feststofftriebwerk Thiokol TX-​354 – 5 
Treibstoff Feststoff 
Startschub je 155 kN 
spezifischer Impuls (Seehöhe) 272 s 
Brenndauer 39 s 
1. Stufe
Hersteller McDonnell Douglas Corp. 
Bezeichnung(en) DSV-​2 L-​1 C
Länge 21,44 m 
Durchmesser 2,44 m 
Leermasse
Treibstoffmasse
Gesamtmasse
Antrieb 1 Flüssigkeitstriebwerk Rocketdyne MB-​III-​3 
Treibstoff Kerosin RP-​1 + Flüssigsauerstoff
Startschub 765 kN
spezifischer Impuls (Seehöhe)
Brenndauer 215…220 s 
2. Stufe
Hersteller McDonnell Douglas Corp. 
Bezeichnung(en) Delta F
Länge 5,25 m 
Stufendurchmesser 1,52 m 
Treibstoffmasse
Gesamtmasse
Antrieb 1 Flüssigkeitstriebwerk Aerojet AJ10-​118 F
Treibstoff Aerozin 50  + Stickstofftetroxid 
Vakuumschub 42 kN 
spezifischer Impuls (Vakuum) 315 s 
Brenndauer 320…335 s 
Nutzlastverkleidung
Länge 6,15 m
max. Durchmesser 1,65 m 
Strukturmasse