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Dienstag,

06.10.1964

Nach einer Reihe sensationeller Anfangserfolge drohte die sowjetische Raumfahrt im Laufe der 1960er Jahre ihre Führungsposition einzubüßen. Das betraf auch das bemannte Raumfahrtprogramm, wo das erste Los von Wostok Raumschiffen aufgebraucht war, aber kein wirkliches Anschlußprogramm existierte. Denn das weit anspruchsvollere Nachfolgeprogramm Sojus war bereits hoffnungslos hinter dem aufgestellten Zeitplan zurückgefallen. Um bis 1964/65, dem frühesten Beginn der Sojus Flüge, die bemannte Raumfahrt nicht den USA zu überlassen, blieb nur, die Zeit mit einigen weiteren spektakulären Wostok Missionen zu überbrücken. Da im Frühjahr 1963 die Finanzmittel für weitere vier Wostok Raumschiffe bereitgestellt worden waren, plante Sergej P. Koroljow dementsprechend vier Missionen. Zunächst einen zehn– bis elftägigen Flug in 600 bis 1.000 km Höhe und einem Hund an Bord. Dieser sollte den Weg für drei ähnliche bemannte Missionen bereiten. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich insbesondere auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt mit dem Gemini– und Apollo-​Programm der NASA zunehmend eine Trendwende zugunsten der USA ab. Technisch hatte die Sowjetunion dem zunächst nichts entgegenzusetzen. Die nicht manövrierfähige Wostok Kapsel bot kaum noch Entwicklungspotential für kommende anspruchsvolle Missionen. Politischer Druck und wohl auch persönlicher Ehrgeiz von Koroljow führten jedoch dazu, daß Wostok doch noch einmal modifiziert wurde. Statt mit vier verlängerten Wostok Missionen sollte die Welt nun mit spektakuläreren Unternehmungen beeindruckt werden. Im Februar 1964 wurde das Wostok Programm zugunsten der neuen Pläne gestoppt. Bis zum August 1964 sollte nun eine der Kapseln für einen Flug von drei Kosmonauten modifiziert werden. Das war eine klare Antwort auf die geplanten Zwei– und Dreimann-​Missionen der USA mit ihren Gemini– bzw. Apollo-​Kapseln. Das Vorhaben schien zunächst aussichtlos, doch letztlich entwickelte ein junger Ingenieur, Konstantin Feoktistow, die entscheidenden technischen Lösungen. Die Ausrüstung der Kapsel wurde auf das absolute Minimum reduziert, nahezu sämtliche Verkleidungen weggelassen. So konnten drei Sitze im Inneren installiert werden. Allerdings mußte auf den bisherigen Katapultsitz mit Fallschirm verzichtet werden. Und auf die voluminösen Raumanzüge. Damit war klar, daß eine Havarie in der Start– oder Landephase sehr wahrscheinlich tödliche Konsequenzen für die Besatzung haben würde. Trotz dieser Sparmaßnahmen wog Woschod, so der Name des „neuen“ Raumschiffs, noch immer rund 1.000 kg mehr als Wostok. Als Trägerrakete kam daher nur Erzeugnis 11A57, die spätere Woschod Rakete in Frage. Diese wurde bisher schon zum Start von Aufklärungssatelliten des Typs Zenit-​4 eingesetzt. Da das Lebenserhaltungssystem an Bord der Kapsel die drei Kosmonauten nur einen Tag versorgen konnte, würde die Besatzung die Zeit bis zu einem „natürlichen“ Abstieg im Fall des Versagens des Bremstriebwerks im Gegensatz zu den Gegebenheiten bei den Wostok Missionen nicht überleben. Daher erhielt Woschod noch einen zusätzlichen Satz Feststoff-​Retroraketen als Rückversicherung. Und auch der hohen Sinkgeschwindigkeit bei der Fallschirmlandung trug man Rechnung. Erstmals sollte ein kleines Feststofftriebwerk am Fallschirm kurz vor dem Aufsetzen die Sinkrate von etwa 810 ms1 auf rund 0,2 ms1 reduzieren. Innerhalb weniger Wochen ab Februar 1964 entstanden die gesamten Pläne für die Modifikationen. Lediglich das eigentlich für Sojus geplante Rettungsraketensystem für den Fall eines Zwischenfalls beim Start konnte nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden. Im Sommer wurden die Kosmonauten für die Mission ausgewählt. Unter ihnen der Konstrukteur Feoktistow. Im August/​September 1964 erfolgten auf der Krim Abwurfversuche mit der Kapsel, bei denen das neue Landeverfahren erprobt werden sollte. Da dem OKB-​1 keine originale Woschod 3KV Kapsel, ja nicht einmal eine Attrappe zur Verfügung stand, ließ Koroljow die Kapsel von Wostok 2 aus dem Museum holen und entsprechend modifizieren. Doch der Test schlug fehl, die Kapsel schlug hart auf und zerschellte. Aufgrund des großen Zeitdrucks blieb nicht viel Zeit für weitere Tests. Man lag ohnehin bereits hinter dem Zeitplan zurück. Schließlich konnte am 05.10.1964 das Landeverfahren für Woschod erfolgreich getestet werden. Eine An-​12 Transportmaschine warf die Kapsel aus großer Höhe ab, das mehrstufige Brems– und Fallschirmsystem entfaltete sich und auch die Bremstriebwerke zündeten planmäßig. Der Weg für den Start des unbemannten Woschod Prototypen am nächsten Tag war frei. Am 06.10.1964 startete von Baikonur eine Woschod 11A57 Rakete mit Kosmos 47, dem ersten und einzigen Prototypen des Woschod 3KV Raumschiffs. Start und Einflug in die Umlaufbahn verliefen planmäßig. Beim Aufstieg war zwar kurzzeitig der Schub der Drittstufe um 10% abgesunken, hatte sich aber rasch normalisiert. Daher konnte die geplante Bahn doch noch erreicht werden. Bereits nach einem Tag wurde das Retromanöver eingeleitet und Kosmos 47 kehrte zur Erde zurück. Auch hierbei gab es keine gravierenden Probleme. Böiger Wind erfaßte am Boden zwar die Fallschirme und schleifte die Kapsel 160 m über die Steppe, doch das hätte eine Besatzung an Bord verhindern können. Alle Modifikationen an der Kapsel hatten sich bewährt und so war der Weg frei für den riskanten bemannten Flug des Woschod Raumschiffs wenige Tage später.